Freitag, 3. August 2012

Gebrochener Künstler-Kraftkerl – „Der geblendete Simson“ von Lovis Corinth

Lovis Corinth: Der geblendete Simson (1912); Berlin, Nationalgalerie
Am Anfang des 20. Jahrhunderts hat der deutsche Maler Lovis Corinth (1858–1925) einen geblendeten Simson dargestellt (1912; Nationalgalerie, Berlin), dessen Pein und hilflose Wut ähnlich eindringlich gestaltet sind wie bei Rembrandt (siehe meinen Post „Mit den Waffen einer Frau“). Doch im Gegensatz zu dem Historienbild des Niederländers ist Corinths Gemälde vor allem biografisch zu verstehen. 1911 erleidet der Künstler, dessen Selbstbildnisse zuvor immer von einem unerschütterlichen, stolzen Selbstbewusstsein und großer Vitalität geprägt waren (zu nennen wäre z. B. sein Selbstbildnis als Fahnenträger von 1911), einen Schlaganfall, der ihn halbseitig lähmt. Dieser existentielle Einschnitt untergräbt das gesteigerte Selbstgefühl Corinths nachhaltig, führt ihm schmerzhaft die eigene Zerbrechlichkeit und Sterblichkeit vor Augen. Noch im Krankenzimmer zeichnet er sich als Hiob, der von Gott geschlagen und auf die Probe gestellt wird.
Lovis Corinth: Selbstbildnis als Fahnenträger (1911); Posen, Nationalmuseum
Lovis Corinth: Hiob und seine Freunde (1912); Bleistiftzeichnung
Kaum zu Kräften gekommen, entsteht im Sommer 1912 Der geblendete Simson, mit dem der Maler für die neue, demütigende Situation eine symbolische Form der Selbstdarstellung findet. Dem geschundenen Simson wachsen mit den Haaren auch seine übermenschlichen Kräfte wieder zu (Richter 16,21–31). Der seines Augenlichts beraubte Gottesheld wird, die Hände angekettet und nur mit einem Schurz bekleidet, zur Belustigung der Philister herbeigeholt – doch dann rächt er sich an seinen Widersachern, indem er die tragenden Säulen des Festsaales zerbricht: „Da fiel das Haus auf die Fürsten und auf alles Volk, das darin war, so dass es mehr Tote waren, die er durch seinen Tod tötete, als die er zu seinen Lebzeiten getötet hatte“ (Richter 16,30; LÜ). Simson wird zur Stellvertreter-Figur: Corinth überträgt diese Geschichte von Verlust und Aufbegehren, von wütender Verzweiflung und dem Wiedererstarken der eigenen Kräfte auf seine persönliche Lebenssituation.
Dumpfe Braun- und Grüntöne bestimmen die Darstellung. Durch die Augenbilknde noch blutend, tastet sich Simson mit großen, erregten Händen vorwärts auf den Betrachter zu. Seine Gesichtszüge, ebenfalls blutbeschmiert, ähneln denen Corinths. Der Maler zeigt Simson nicht in einem biblischen Setting, sondern in einem zeitgenössischen häuslichen Interieur – Hinweise darauf, dass der Künstler sein Gemälde nicht als traditionelles Historienbild gemeint hat. Ein mimisches Detail verrät darüber hinaus, dass sich Corinth als Vorbild Rembrandts Simson aus dem Frankfurter Städel gewählt hat: Dieselben zwei Zahnreihen blecken aus dem schmerzverzerrten Mund (siehe meinen Post Mit den Waffen einer Frau).
Simsons Beißerchen, gemalt von Rembrandt (1636)
Die Figur des Simson füllt das Bildformat nahezu gänzlich aus (130 x 105 cm) und ist frontal in vorderster Bildebene wiedergegegeben. Corinths Gemälde kann deswegen als wichtige Vorstufe für sein großartiges Spätwerk Ecce homo aus dem Kunstmuseum Basel (1925) gesehen werden, in dem der Künstler ebenfalls das Motiv der betont vorgestreckten Hände verwendet.
Lovis Corinth: Ecco homo (1925); Basel, Kunstmuseum

Literaturhinweise
Lorenz, Ulrike u.a. (Hrsg.): Lovis Corinth und die Geburt der Moderne. Kerber Verlag, Bielefeld 2008;
Lott-Reschke, Dagmar: Ritter Lovis – Tugendheld und Freiheitskämpfer. Zu Corinths Selbstbildnissen im historischen Kostüm. In: Ulrich Luckhardt und Uwe M. Schneede (Hrsg.), Ich, Lovis Corinth. Die Selbstbildnisse. Hatje Cantz Verlag, Ostfildern-Ruit 2004, S. 11-29;
Uhr, Hans: Lovis Corinth. University of California Press, Berkeley u.a. 1990, S. 207-209;
LÜ = Lutherbibel, revidierter Text 1984, durchgesehene Ausgabe, © 1999 Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart. 

(zuletzt bearbeitet am 5. Dezember 2016) 

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