Sonntag, 5. August 2012

Genozid im Gelobten Land – Gustave Doré illustriert das Alte Testament

Gustave Doré: Josuas Sieg über die Amoriter (1866), Holzstich
Gustave Doré (1832–1883) war einer der vielseitigsten und produktivsten französischen Künstler des 19. Jahrhunderts. Er arbeitete als Grafiker, Maler und Bildhauer, machte sich aber vor allem als Buchillustrator einen Namen. Doré illustrierte rund 90 Werke der Weltliteratur: von der griechischen Antike und dem europäischen Mittelalter über Shakespeare und Byron, Dante und Boccaccio, Molière und La Fontaine, Goethe und Schiller bis hin zu Zeitgenossen wie Charles Dickens, Edgar Allan Poe, Alexandre Dumas und Victor Hugo. All diese Werke wurden in anderen Ländern und Sprachen mit Dorés Bildern so vielfältig nachgedruckt, dass man geradezu von einer industriellen Kunstproduktion sprechen kann. Doré war der populärste Buchillustrator seiner Zeit, dazu ungemein fleißig und produktiv – er soll annähernd 11000 Illustrationen geschaffen haben. Dabei strebte er selbst eher nach Anerkennung als Maler und Bildhauer, die ihm allerdings zu Lebzeiten gänzlich versagt blieb.
Dorés größter Erfolg war die Bibel mit 230 Holzstichen, deren erste französische Ausgabe 1866 auf den Markt kam. Innerhalb kürzester Zeit gab es die Doré-Bibel in Pracht- und Volksausgaben in allen europäischen Sprachen. Die Popularität seiner Holzstiche überwand sämtliche konfessionellen Hürden: Sie schmückten und schmücken katholische, lutherische und reformierte, aber auch russisch-orthodoxe, griechisch-orthodoxe, anglikanische, methodistische und freikirchliche Bibelausgaben. Die Doré-Bibel ist die bis heute meistverkaufte und weltweit beliebteste Bilderbibel überhaupt.
Gustave Doré: Josua verschont Rahab (1866); Holzstich
Der Holzstich (auch Xylographie genannt) ist eine Hochdrucktechnik, bei der die Vorzeichnung auf eine Buchsbaum-Hirnholzplatte aufgetragen und anschließend mit dem Grabstichel umgesetzt wird. Das Verfahren hatte dem bis dahin als Illustrationstechnik bevorzugten Kupferstich gegenüber den Vorteil, dass sich die Holzstiche auf Buchdruckpressen und -maschinen in hohen Auflagen zugleich mit dem Text drucken ließen und nicht nachträglich im Tiefdruckverfahren ergänzt werden mussten. Daher löste der Holzstich, zusammen mit der Lithographie, im 19. Jahrhundert den Kupferstich als führende Illustrationstechnik ab.
Zu den meisten Bibelillustrationen lieferte Doré allerdings nur die Skizzen, die eine große Zahl unermüdlicher Holzschneider unter seiner Aufsicht auszuführen hatte. Dorés Arbeiten faszinieren nicht nur durch ihre Erzählfreude, durch realistische Darstellung und dramatische Zuspitzung, sondern vor allem durch effektvolle Hell-Dunkel-Wirkungen. Die Illustrationen zum Alten Testament sind besonders eindrucksvoll geraten; sie zeigen immer wieder Schlachten, Massenszenen und weite Naturräume; außerdem belegen sie, mit welcher Freude und Meisterschaft Doré orientalisches Lokalkolorit gestaltete und archäologische Monumente nachbildete. Allerdings gerät ihm dabei die jüdische Geschichte vielfach zum Märchen aus Tausendundeiner Nacht oder einfach nur zu einem wilden Abenteuer. Beispielhaft sei hier auf die Holzstiche zum Buch Josua hingewiesen, wie z. B. Josuas Sieg über die Amoriter (Josua 10,1–11), Josua verschont Rahab (Josua 6,22–27) oder Die Steinigung Achans (Josua 7,19–26).
Gustave Doré: Die Steinigung Achans (1866), Holzstich
Nach dem Tod des Mose (5. Mose 34) wird Josua dessen Nachfolger und führt das Volk Israel durch den Jordan ins Gelobte Land. Als erste Kanaaniterstadt fällt Jericho in die Hände Israels: Sie wird völlig zerstört, nachdem ihre Mauern beim Schall der Posaunen eingestürzt sind (Josua 6). Den nun folgenden Eroberungsfeldzug durch das Land Kanaan schildert das Buch Josua als erfolgreichen und erbarmungslosen Vernichtungskampf der Israeliten gegen die bisherigen Bewohner des Landes.
In den Augen des modernen Bibellesers wirkt dieses brutale Vorgehen sehr befremdlich. Ausleger weisen darauf hin, die Ausrottung der besiegten Volksstämme sei Gottes Gericht über die Gottlosigkeit der kanaanitischen Völker und diene dazu, das Volk Israel sozusagen prophylaktisch vor dem Götzendienst zu bewahren. Was viele heute als ethnische Säuberung oder auch als Genozid bezeichnen würden, war, so der Bibeltext, keineswegs reine Zerstörungswut, Vandalismus, blinder Hass oder Raubmord, sondern geschah auf Anweisung Gottes, die in 5. Mose 7,1–10 auch begründet wird. Dennoch bleibt bei heutiger Lektüre des Textes eine erhebliche Irritation zurück, gerade im Blick auf das neutestamentliche Gebot der Feindesliebe (Matthäus 5,43–48). 

Literaturhinweis
Keuchen, Marion: Bild-Konzeptionen in Bilder- und Kinderbibeln. Die historischen Anfänge und ihre Wiederentdeckung in der Gegenwart. Teil 1.  V & R unipress, Göttingen 2016, S. 348-377.
 
(zuletzt bearbeitet am 7. Februar 2017)