Sonntag, 9. September 2012

Rainer Maria Rilke: Auferweckung des Lazarus

Rembrandt van Rijn: Auferweckung des Lazarus (1642), Radierung; 15,1 x 11,3 cm

Auferweckung des Lazarus

Also, das tat not für den und den,

weil sie Zeichen brauchten, welche schrieen.

Doch er träumte, Marthen und Marieen

müßte es genügen, einzusehn,

daß er könne. Aber keiner glaubte,

alle sprachen: Herr, was kommst du nun?

Und da ging er hin, das Unerlaubte

an der ruhigen Natur zu tun.

Zürnender. Die Augen fast geschlossen,

fragte er sie nach dem Grab. Er litt.

Ihnen schien es, seine Tränen flossen,

und sie drängten voller Neugier mit.

Noch im Gehen wars ihm ungeheuer,

ein entsetzlich spielender Versuch,

aber plötzlich brach ein hohes Feuer

in ihm aus, ein solcher Widerspruch

gegen alle ihre Unterschiede,

ihr Gestorben-, ihr Lebendigsein,

daß er Feindschaft war in jedem Gliede,

als er heiser angab: Hebt den Stein!

Eine Stimme rief, daß er schon stinke,

(denn er lag den vierten Tag) – doch Er

stand gestrafft, ganz voll von jenem Winke,

welcher stieg in ihm und schwer, sehr schwer

ihm die Hand hob – (niemals hob sich eine

langsamer als diese Hand und mehr)

bis sie dastand, scheinend in der Luft;

und dort oben zog sie sich zur Kralle:

denn ihn graute jetzt, es möchten alle

Toten durch die angesaugte Gruft

wiederkommen, wo es sich herauf

raffte, larvig, aus der graden Lage – –

doch dann stand nur Eines schief im Tage,

und man sah: das ungenaue vage

Leben nahm es wieder mit in Kauf.

Rainer Maria Rilke