Freitag, 22. März 2013

„Die Hülsenbeckschen Kinder“ von Philipp Otto Runge


Philipp Otto Runge: Die Hülsenbeckschen Kinder (1805/06); Hamburg, Kunsthalle
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Friedrich August Hülsenbeck habe hübsche Kinder, schrieb Philipp Otto Runge am 6. Dezember 1803 an seine Ehefrau Pauline. Drei von ihnen malte er 1805 beim Spiel vor dem Gartenhaus in Elmsbüttel, das er am 10. Januar und 7. Februar in Briefen beschrieben hatte: „Hinter den Kindern über das Gartenstakett weg geht die Aussicht auf die Stadt Hamburg hinaus. Alles sollte Porträt sein. Der Zug bewegt sich zur Ecke des Gartenzauns, der in die Tiefe zum Sommerhaus führt.“
Was ist das Besondere an Runges Bild? Unerhört neu ist, dass der Maler die Geschwister in ungekünstelter Kindlichkeit darstellt. Hier spielen echte Kinder, und ihre Welt ist eine ganz andere als die der Erwachsenen. Ungelenk und tollpatschig, frei von sentimentaler Verniedlichung, strahlt der kleine Friedrich, jüngster Spross der Hamburger Familie Hülsenbeck, mit seinen Speckärmchen und Patschehändchen nichts als hilflose Unselbständigkeit aus. Sein rotes Kleid mit den weißen Sternen hat er sich nicht selbst angezogen, und auch in den Leiterwagen wurde er von anderen gesetzt. Ohne recht zu verstehen, was seine Geschwister mit ihm anstellen, blicken seine Augen staunend und groß den Betrachter an, barfüßig auf einem Kissen sitzend, die großen Zehen einzeln abgespreizt.
Philipp Otto Runge: Fingal mit erhobenem Speer (1805/06);
Hamburg, Kunsthalle

Sein vierjähriger Bruder August steht als Anführer mit erhobener Peitsche an der Deichsel und blickt ebenfalls den Betrachter direkt an. Der frontal gesehene Junge hält in seiner Bewegung inne und bleibt in Schrittstellung stehen – als werde er gewahr, dass die Geschwister von jemand beobachtet werden. „Das Schrittmotiv sowie die erhobene Peitsche des kleinen August, sein im Bild am weitesten vorgewölbter Körper (...) sind bildsprachliches Zeugnis der entdeckenden ›Eroberung‹ der Welt“ (Lange 2013, S. 30). Die reflektierenden Knöpfe an seiner Hose nehmen die Kugeln des Gartenzauns auf. Den Gestus des hochgereckten rechten Arms hat Runge aus einer seiner Ossian-Zeichnungen entnommen (Fingal mit dem erhobenen Speer, 1805/06).
In kindlicher Fürsorge wiederum wendet sich die fünfjährige Schwester Maria zurück: Sie scheint gerade bemerkt zu haben, dass der Jüngste den Stengel eines Sonnenblumenblattes umklammert. Es ist ein unbewusstes, unverstandenes Greifen des kleinen Friedrich, der noch Halt braucht und sucht. Augusts Griff in die Deichsel hingegen setzt Bewusstsein voraus – es ist ein funktionales Greifen.
1805 hat Philipp Otto Runge auch seinen Sohn Otto Sigismund im Sternenkleidchen gemalt,
heute ebenfalls in der Hamburger Kunsthalle
Auffallend ist die plastische Wucht und ausgesprochene Monumentalität, mit der Runge die Kinder ins Bild setzt. Geradezu riesenhaft wirken sie vor dem Gartenzaun, klein dagegen neben der Sonnenblume. Alles an ihnen ist prall und rund. Die Kugeln auf den Zaunpfosten führen das in stereometrischer Klarheit weiter. Die Kinder sind an den vorderen Bildrand gerückt, die beiden größeren nehmen fast die ganze Bildhöhe ein, was ihre eindringliche Präsenz verstärkt. Die Augenhöhe der Kinder ist dieselbe wie die des Betrachters. Sie sind nicht von oben herab, sondern eng und nah aus der Kindersicht dargestellt. Auf diese Weise werden wir zu Teilhabern ihrer Welt und ihrer Erlebnisse. Wir stehen quasi auf ihrer Stufe, und die Sonnenblume ist für uns genauso gigantisch wie für sie.
Die Frontaldrehung des Knaben scheint den Zug der Kinder zu bremsen. Zwischen zwei Richtungsimpulsen gliedert Runge die Komposition nach dem Verhältnis des Goldenen Schnitts. Das dem Quadrat angenäherte Bildformat erscheint dadurch breiter und gedehnter. Die Bewegung im Bild geht von der Sonnenblume aus. Mit zunehmendem Alter der Kinder vergrößert sich die Entfernung zur Pflanze, die den paradiesischen Ursprung versinnbildlicht. Der Kleinste ist mit ihr noch in körperlicher, der Peitschenknabe durch das Grün seiner Hose nur noch in farblicher Verbindung. Das Mädchen hat den größten Abstand gewonnen. „Anscheinend wollte Runge die Entwicklung des menschlichen Bewußtseins mit darstellen“ (Traeger 1975, S. 86). Je mehr wir uns vom Ursprung entfernen, umso mehr empfinden wir den Verlust: Blick und Geste des Mädchens nach rückwärts könne man so interpretieren, meint Jörg Traeger. Das Voranschreiten der Kinder lässt sich daher als Beginn des Lebensweges verstehen. 
Die unterschiedlichen Entwicklungsstadien der Kinder spiegeln sich auch in den vier Blüten der Sonnenblumen: Ganz rechts an der Staude zeigt Runge die gerade aufgegangene Knospe, darüber eine halbgeöffnete Blüte, schließlich eine weit geöffnete, die schon etwas von der Saat sehen lässt, bis hin zur geöffneten Blüte mit vollständig sichtbarem Saatteller. „Die Vierzahl weist über die engere Bedeutung der drei dargestellten Kinder auf deren Zukunft, das Erwachsenwerden, hinaus“ (Lange 2013, S. 30).
Die von links nach rechts gerichtete Handlung wird durch den bildparallelen Zaun betont. Die Zaunkugeln mit ihrer steil verkürzten Perspektive bereiten uns darauf vor, dass der Zug gleich nach rechts abbiegen wird; dabei lenkt die sich schnell verkleinernde Kugelreihe den Blick auf das Haus und damit die Sphäre der Erwachsenen. Noch trennt der Gartenzaun die drei Geschwister von dem topografisch genau wiedergegebenen Hamburger Vorort Eimsbüttel und damit von der großen weiten Welt und ihrer Zukunft. Wäsche flattert vor einer Färberei – Arbeit wird später einmal das Leben der Bürgerkinder bestimmen. 
Philipp Otto Runge wurde 1777 in Wolgast in Schwedisch-Pommern als neuntes von elf Kindern in eine protestantische Reederfamilie hineingeboren. Als Achtzehnjähriger zog er mit Daniel, dem Ältesten, nach Hamburg, wo er in dessen „Kommissions- und Speditionshandlung“ eine Kaufmannslehre begann und viel Zeit mit dem Zeichnen verbrachte. Entgegen dem Wunsch seines Vaters ging er zum Kunststudium an die Königliche Akademie in Kopenhagen, besuchte den drei Jahre älteren Caspar David Friedrich in Greifswald und studierte an der Dresdener Kunstakademie. Dort heiratete er seine große Liebe, die Kaufmannstochter Pauline Bassenge. Die Geburt seines vierten Kindes im Jahr 1810 erlebte er nicht mehr, er starb einen Tag davor an Tuberkulose, im Alter von nur 33 Jahren.

Literaturhinweise
Thomas Lange: Sehen als bedingtes Denken. Runges Logik des Bildes. In: Markus Bertsch u.a. (Hrsg.), Kosmos Runge. Das Hamburger Symposium. Hirmer Verlag, München 2013, S. 23-35;
Jörg Traeger: Philipp Otto Runge und sein Werk. Monographie und kritischer Katalog. Prestel Verlag, München 1975;
Jörg Traeger: Philipp Otto Runge. Die Hülsenbeckschen Kinder. Von der Reflexion des Naiven im Kunstwerk der Romantik. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 1996.

(zuletzt bearbeitet am 8. Mai 2016)