Dienstag, 21. Mai 2013

Kunstvoller Weltuntergang – Albrecht Dürers „Apokalypse“ (Teil 5)


Albrecht Dürer: Das Sonnenweib und der siebenköpfige Drache (um 1497); Holzschnitt
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Im nächsten Blatt (IX. Figur: Das Sonnenweib und der siebenköpfige Drache) tritt zum ersten Mal Satan in eigener Gestalt auf. Als fauchendes Ungeheuer stellt er der mit der Sonne bekleideten, schwangeren Frau auf der Mondsichel nach (Offb. 12,1-6). Zwölf frei schwebende Sterne bekrönen ihr Haupt und erinnern an die Stämme Israels. Sieben Schlangenhälse wachsen der drachenartigen Bestie aus dem Leib, auf denen sieben drohende Fratzen mit sieben Kronen und zehn Hörnern sitzen. Ihr überlanger peitschenartiger Schwanz schlägt einen dritten Teil der Sterne vom Himmel. Der Wasserstrom, den das Untier ausspeit, um das neugeborene Kind zu ersäufen, versiegt in der helfenden Erde (Offb. 12,13-18). Zwei Engel tragen das gerettete Kind zum Himmel empor, wo Gottvater es segnend empfängt.
Die IX. Figur gibt das Kompositionsschema vor, das in den jeweils übernächsten Holzschnitten (XI. und XIII. Figur) variiert wird: Gottvater und seine Streiter gegen das Böse sind in der himmlischen Zone dargestellt; im irdischen Bereich erscheint jeweils rechts unten ein vielköpfiges Ungeheuer, dem Dürer in zwei von drei Fällen Zuschauer bzw. Gefolge beigegeben hat. In der IX. Figur verbindet er zwei Geschehnisse, die im Text der Offenbarung durch den Kampf Michaels gegen den Satan voneinander getrennt sind. Dieses Ereignis stellt Dürer in einem eigenen Holzschnitt (X. Figur) dar.
Auffallend ist der Erfindungsreichtum, mit dem Dürer die Drachenköpfe gestaltet: der untere ist einem Wolf nachgebildet und scheint finster-verschlagen auf sein Opfer zu lauern, darüber findet sich neben dem Wasserspeier ein drohend geöffnetes Maul, vor dem der benachbarte Schlangenkopf erschrocken zurückzuckt; von den drei oberen Köpfen ist der rechte eine Mischung aus Schafs- und Eselsschädel, während der linke mit seiner Eberschnauze das Sonnenweib zu beschnüffeln scheint. Sehr wahrscheinlich ist mit den Tierköpfen des Drachens auch ein Hinweis auf die sieben Todsünden verbunden.
Elevatio animae (romanisches Kapitell); San Martí, Mura (Spanien)
Das Motiv des von Engeln in den Himmel entrückten kindlichen Christus hat Dürer dem von Grabbmälern entlehnten Typus der „Elevatio animae“ entlehnt. Bei diesem Bildmotiv wird die Seele des Verstorbenen in Gestalt eines Kindes in einem Tuch emporgetragen.

1 Und es erschien ein großes Zeichen am Himmel: eine Frau, mit der Sonne bekleidet, und der Mond unter ihren Füßen und auf ihrem Haupt eine Krone von zwölf Sternen. 2 Und sie war schwanger und schrie in Kindsnöten und hatte große Qual bei der Geburt. 3 Und es erschien ein anderes Zeichen am Himmel, und siehe, ein großer, roter Drache, der hatte sieben Häupter und zehn Hörner und auf seinen Häuptern sieben Kronen, 4 und sein Schwanz fegte den dritten Teil der Sterne des Himmels hinweg und warf sie auf die Erde. Und der Drache trat vor die Frau, die gebären sollte, damit er, wenn sie geboren hätte, ihr Kind fräße. 5 Und sie gebar einen Sohn, einen Knaben, der alle Völker weiden sollte mit eisernem Stabe. Und ihr Kind wurde entrückt zu Gott und seinem Thron. 6 Und die Frau entfloh in die Wüste, wo sie einen Ort hatte, bereitet von Gott, dass sie dort ernährt werde tausendzweihundertundsechzig Tage. (...) 13 Und als der Drache sah, dass er auf die Erde geworfen war, verfolgte er die Frau, die den Knaben geboren hatte. 14 Und es wurden der Frau gegeben die zwei Flügel des großen Adlers, dass sie in die Wüste flöge an ihren Ort, wo sie ernährt werden sollte eine Zeit und zwei Zeiten und eine halbe Zeit fern von dem Angesicht der Schlange. 15 Und die Schlange stieß aus ihrem Rachen Wasser aus wie einen Strom hinter der Frau her, um sie zu ersäufen. 16 Aber die Erde half der Frau und tat ihren Mund auf und verschlang den Strom, den der Drache ausstieß aus seinem Rachen. 17 Und der Drache wurde zornig über die Frau und ging hin, zu kämpfen gegen die Übrigen von ihrem Geschlecht, die Gottes Gebote halten und haben das Zeugnis Jesu. 18 Und er trat an den Strand des Meeres. (Offenbarung 12,1-6; 12,13-18)
Albrecht Dürer: Michaels Kampf mit dem Drachen (um 1498); Holzschnitt
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Das folgende Ereignis (X. Figur) umfasst in der Offenbarung des Johannes nur drei Verse und wird eher beiläufig geschildert: der Kampf Michaels mit dem Drachen (Offb. 12,7-9). Dürer hat daraus ein selbstständiges Bild gemacht. So hervorgehoben, erhält dieser Kampf die Bedeutung einer Entscheidungsschlacht. Zielsicher und entschlossen stößt der Erzengel dem hier eselsköpfigen, geschuppten Drachen die Lanze in die Kehle, drei Engel an seiner Seite befreien den Himmel vom missgestalteten Gefolge Satans. Das dramatische Geschehen am Himmel, der durch horizontale Schraffuren verdunkelt erscheint, kontrastiert mit der sonnenbeschienenen Landschaft in der unteren, irdischen Zone. Sie wird so friedlich wiedergegeben, als hätten die zuvor beschriebenen Katastrophen nie stattgefunden.
Prägend für die Dürers Gestaltung des Drachenkampfes war ein Kupferstich von Martin Schongauer (1440/45–1491): der Hl. Michael; die Versuchung des Hl. Antonius, ein weiterer Kupferstich Schongauers, inspirierte ihn zur Darstellung eines Kampfes im Himmel.
Martin Schongauer: Hl. Michael; Kupferstich
Martin Schongauer: Versuchung des Hl. Antonius; Kupferstich
7 Und es entbrannte ein Kampf im Himmel: Michael und seine Engel kämpften gegen den Drachen. Und der Drache kämpfte und seine Engel, 8 und sie siegten nicht und ihre Stätte wurde nicht mehr gefunden im Himmel. 9 Und es wurde hinausgeworfen der große Drache, die alte Schlange, die da heißt: Teufel und Satan, der die ganze Welt verführt, und er wurde auf die Erde geworfen, und seine Engel wurden mit ihm dahin geworfen. (Offenbarung 12,7-9)

(zuletzt bearbeitet am 28. Dezember 2015)