Donnerstag, 23. Mai 2013

Kunstvoller Weltuntergang – Albrecht Dürers „Apokalypse“ (Teil 7)


Albrecht Dürer: Das babylonische Weib (um 1496/97); Holzschnitt
(für die lohnenswerte Großansicht einfach anklicken)
Die Beschreibung Babylons und seines Untergangs in Offenbarung 17 und 18 wird in der XIII. Figur mit der Ankunft des siegreiches Christusheeres verbunden (Offb. 14,11-15). Dürer überspringt somit die im 15. und 16. Kapitel geschilderten sieben großen Plagen, da in seiner Bilderfolge das Strafgericht über die Menschen auf die erste Hälfte des Zyklus beschränkt bleibt.
Dürers Hauptaugenmerk gilt der Hure Babylon auf dem scharlachroten Tier (Offb. 17,1-6). In kostbarer venezianischer Tracht, mit Geschmeide und Kleinodien behängt, mit aufwendig frisiertem Haar, gekröntem Haupt und entblößter Schulter hält sie einen prunkvollen Deckelpokal empor. Die schöne Frau erinnert deutlich an eine Kostümfigur Dürers, die sich heute in der Wiener Albertina befindet. 
Dem siebenköpfigen Drachen mit den wiederum zehn Hörnern fehlen bereits seine Kronen und Diademe. Die prächtige Reiterin und ihr Tier wurden in der spätantiken Zeit des Johannes wie auch zur Zeit Dürers als Sinnbild für Rom und seine Herrschaft verstanden. Entsprechend deutete man die sieben Berge, von denen der Bibeltext spricht (Offb. 17,9) als die sieben Hügel Roms, den Fluss  rechts im Vordergrund als Tiber und das Gewässer dahinter, in das er mündet, als Mittelmeer. Im Hintergrund rechts fällt das brennende (mit deutschen Mauerformen versehene) Babylon endgültig in Schutt und Asche, gewaltige Flammen schießen wie Fontänen in den Himmel, ein herabschwebender Engel verkündet: „Sie ist gefallen, sie ist gefallen, Babylon, die Große“ (Offb. 18,2). Ein weiterer Engel schmettert den Mühlstein ins Meer (Offb. 18,21), das Heer des Himmels reitet aus einer Wolkenschlucht hervor (Offb. 19,11-16), angeführt von dem Ritter „Treu und Wahrhaftig“.
Albrecht Dürer. Venezianerin (1495); Wien, Albertina
Mit dem Rücken zum Betrachter dargestellt ist der „falsche Prophet“ (Offb. 19, 20), ein prachtvoll gekleideter Orientale, der Tier und Buhlerin vor einer Volksmenge lobpreist. Er erinnert an den Sultan im Eingangsbild mit dem Johannes-Martyrium. Bei seinem Publikum handelt es sich um Vertreter des städtischen Bürgertums; jedoch scheinen die vorn stehenden Kaufleute „die große Hure“ mehr abwartend prüfend als bewundernd zu betrachten – von einer Anbetung der Buhlerin kann jedenfalls nicht die Rede sein. Der Kaufmann mit dem schräg über dem Ohr sitztenden Hut taucht ebenfalls bereits im Holzschnitt mit dem Johannes-Maryrium auf. Ob der von Entsagung und Askese ausgemergelte Dominikanermönch am linken Bildrand, der mit gefalteten Händen auf die Knie gesunken ist, eher die Buhlerin anbetet, oder ob sein hoffnungsvoller Blick den am Himmel schwebenden Engeln gilt, lässt sich allerdings nicht eindeutig sagen.

1 Und es kam einer von den sieben Engeln, die die sieben Schalen hatten, redete mit mir und sprach: Komm, ich will dir zeigen das Gericht über die große Hure, die an vielen Wassern sitzt, 2 mit der die Könige auf Erden Hurerei getrieben haben; und die auf Erden wohnen, sind betrunken geworden von dem Wein ihrer Hurerei. 3 Und er brachte mich im Geist in die Wüste. Und ich sah eine Frau auf einem scharlachroten Tier sitzen, das war voll lästerlicher Namen und hatte sieben Häupter und zehn Hörner. 4 Und die Frau war bekleidet mit Purpur und Scharlach und geschmückt mit Gold und Edelsteinen und Perlen und hatte einen goldenen Becher in der Hand, voll von Gräuel und Unreinheit ihrer Hurerei, 5 und auf ihrer Stirn war geschrieben ein Name, ein Geheimnis: Das große Babylon, die Mutter der Hurerei und aller Gräuel auf Erden. 6 Und ich sah die Frau, betrunken von dem Blut der Heiligen und von dem Blut der Zeugen Jesu. Und ich wunderte mich sehr, als ich sie sah. (Offenbarung 17,1-6)
Albrecht Dürer: Der Engel mit dem Schlüssel zum Abgrund (um 1497/98);
Holzschnitt (für die lohnenswerte Großansicht einfach anklicken)
Im letzten Blatt des Zyklus (XIV. Figur: „Der Engel mit dem Schlüssel zum Abgrund“) werden Sinn und Ziel des großen Kampfes deutlich: Durch das göttliche Strafgericht ist der „Fürst dieser Welt“ und mit ihm das Böse überwunden worden. Im Ganzen ist das Finale weniger dramatisch dargestellt, als es der Text nahelegen würde. Im Vordergrund sperrt ein Engel das mit der Kette gefesselte Untier in einen engen, Feuer und Dampf ausstoßenden Schacht. Ein großer Bartschlüssel deutet den sicheren Verschluss Satans, den Dürer hier reptilartig, geflügelt und mit Hängebrüsten darstellt, für die nächsten 1000 Jahre an (Offb. 20,1-3).
Auf einem Hügel oberhalb dieser Szene zeigt ein junger Engel dem demütig-staunenden Johannes das himmlische Jerusalem, Sinnbild der göttlichen Verheißung für „einen neuen Himmel und eine neue Erde“ (Offb. 21,1-27).  Es ist nicht die in der Offenbarung beschriebene vollkommene Stadt, deren Mauern aus Jaspis, lauterem Gold und reinem Kristall angefertigt sind, sondern eine gewachsene fränkische Stadt des 15. Jahrhunderts. Einzig die Engel an den Toren sind als Hinweise auf ihren überirdischen Charakter zu verstehen.
Auch dies ist, wie das einleitende Blatt, ein unübersehbarer Zeitbezug. Er kann zum einen als Appell verstanden werden: Der Betrachter soll die Vision des himmlischen Jerusalem verinnerlichen und nach Kräften versuchen, bereits in dieser Welt danach zu leben — damit sich die konkrete irdische Wirklichkeit mit ihren Wirren und übergroßen Nöten zum Besseren wandelt. Zum anderen deutet Dürer an, dass Gottes Heilshandeln am Ende der Zeit nahe bevorsteht. Das Bewusstsein, unmittelbar vor dem Weltgericht zu leben, führt aber nicht zu dumpfem Fatalismus oder angsterfüllter Resignation – es lässt vielmehr die Hoffnung wachsen, dass Gott die auf Erden herrschenden sündigen Ordnungen bald zerbrechen wird.

1 Und ich sah einen Engel vom Himmel herabfahren, der hatte den Schlüssel zum Abgrund und eine große Kette in seiner Hand. 2 Und er ergriff den Drachen, die alte Schlange, das ist der Teufel und der Satan, und fesselte ihn für tausend Jahre 3 und warf ihn in den Abgrund und verschloss ihn und setzte ein Siegel oben darauf, damit er die Völker nicht mehr verführen sollte, bis vollendet würden die tausend Jahre. Danach muss er losgelassen werden eine kleine Zeit. (Offenbarung 20,1-3)

Literaturhinweise
Bee, Andreas: Apocalipsis cum figuris. Die Apokalypse Albrecht Dürers. In: Richard W. Gassen/Bernhard Holeczek (Hrsg.), Apokalypse. Ein Prinzip Hoffnung? Ernst Bloch zum 100. Geburtstag. Edition Braus, Heidelberg 1985, S. 63-74;
Peter Krüger: Dürers „Apokalypse“. Zur poetischen Struktur einer Bilderzählung der Renaissance. Harrassowitz Verlag, Wiesbaden 1996, S. 30-41;
Peter Krüger: Die Apokalypse. In: Albrecht Dürer, Das druckgraphische Werk. Band II: Holzschnitte. Prestel Verlag, München 2002, S. 59-105; 
Alexander Perrig: Albrecht Dürer und Die Heimlichkeit der deutschen Ketzerei. Die „Apokalypse“ Dürers und andere Werke von 1495 bis 1513. VCH Acta humaniora, Weinheim 1987;
David Price: Albrecht Dürers Representations of Faith: The Church, Lay Devotion and Veneration in the Apocalypse (1498). In: Zeitschrift für Kunstgeschichte 57 (1994), S. 688-696; 
Thomas Schauerte: Dürer. Das ferne Genie. Eine Biographie. Philipp Reclam jun., Stuttgart 2012, S. 83-92;
Peter Schmidt: Wieso Holzschnitt? Dürer auf der Medien-und Rollensuche. In: Daniel Hess/Thomas Eser (Hrsg.), Der früher Dürer. Verlag des Germanischen Nationalmuseums, Nürnberg 2012, S. 146-159;
Die Bibel nach der Übersetzung Martin Luther in der revidierten Fassung von 1984. Durchgesehene Ausgabe in neuer Rechtschreibung. © 1984 Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart.

(zuletzt bearbeitet am 29.September 2017)

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