Mittwoch, 5. Juni 2013

Der arme Bergmann aus der Kohlengrube – Édouard Manets „Toter Christus mit Engeln“


Édouard Manet: Toter Christus mit Engeln (1864); New York, Metropolitan Museum of Art
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Für den Pariser „Salon“, der alljährlichen Kunstausstellung im Louvre, reichte der französische Maler Édouard Manet (18321883) 1864 zwei Gemälde ein: eine Stierkampfszene und einen von Engeln beweinten toten Christus.
Andrea Mantegna: Engelspietà (um 1495/1500); Kopenhagen, Statens
Museum for Kunst (für die Großansicht einfach anklicken)
Mit seiner Christusdarstellung folgte Manet der Tradition der sogenannten „Engelspietà“. Dabei handelt es sich um ein Andachtsbild, das den toten Christus halb- oder ganzfigurig mit den Nägelmalen und der Seitenwunde zeigt, aber nicht am Kreuz hängend, sondern von einem oder mehreren Engeln gehalten und betrauert oder angebetet. Manets kunsthistorisches Vorbild dürfte die Engelspietà Andrea Mantegnas (um 1495/1500) gewesen sein, die sich heute in Kopenhagen befindet. Die Aufrichtung des Oberkörpers, die Beinstellung mit dem stärker angewinkelten und leicht nach innen gestellten linken Bein, die Armhaltung – all das ist in Mantegnas Engelspietà vorformuliert. Allerdings weicht Manets Schmerzensmann an einigen Stellen auffallend von seinem Renaissance-Vorbild ab. Mantegnas Christus hat die Augen geöffnet – er lebt. Wir sehen nicht nur den Gekreuzigten, sondern auch den auferstandenen Erlöser. Manets Christus hat ebenfalls die Augen offen, aber der Blick ist gebrochen. Sein Christus ist ein toter Christus. Trotz der begleitenden Engel haben wir also einen sehr irdischen Leichnam vor uns. Emily A. Beeny rückt Manets Gemälde deswegen auch in die Nähe von Hans Holbeins berühmtem Christus im Grabe (1521/22; siehe auch meinen Post Ganz Mensch, ganz tot“).
Hans Holbein: Der tote Christus im Grab (1521/22); Basel, Kunstmuseum
Der erschlaffte, aber noch immer muskulöse Körper des breitschultrigen Jesus wird uns frontal und halb liegend präsentiert. Einer der beiden Engel stützt mit seiner Rechten Nacken und Kopf des Toten. Die untere Gesichtshälfte wird von einem Bart bedeckt, die Lippen sind leicht geöffnet. Die Dornenkrone hat einige Bluflecken auf der Stirn hinterlassen; die Haut verfärbt sich gelblich, die Wunden haben ein krustiges Braun und Schwarz angenommen. An der linken Hand Christi fehlt der Daumen, die Finger- und Zehennägel sind nicht ausgeführt – weswegen manche Kunstkritiker das Bild als „unfertig“ bezeichneten.
Mit Befremden wurde von den Zeitgenossen Manets auch aufgenommen, dass die Seitenwunde Christi links platziert ist. Von den vier Evangelisten erwähnt nur Johannes die Seitenwunde (Johannes 19,34), aber ohne Angabe, welche Seite von der Lanze des Soldaten durchbohrt wurde. In der Tradition der christlichen Kunst ist die Seitenwunde fast ausnahmslos rechts zu sehen – denn die rechte Seite ist positiv besetzt, sie ist die „Ehrenseite“ (siehe z. B. Markus 16,19). Es dürfte sich aber kaum um ein Versehen Manets gehandelt haben.
Manets Bild hält noch weitere Irritationen bereit. „Ich werde einen toten Christus mit Engeln malen“, schrieb der Künstler im November 1863 an den Abbé Hurel. „Es soll eine Variante der von Johannes geschilderten Szene mit Magdalena im Grab werden.“ Aber Magdalena ist gar nicht dargestellt, und in der Grabesszene, die der Evangelist Johannes beschreibt, ist Christus bereits von den Toten auferstanden. Einer der beiden Steine am unteren Bildrand verweist dennoch auf die entsprechende Passage im Johannes-Evangelium: „Maria aber stand draußen vor dem Grab und weinte. Als sie nun weinte, schaute sie in das Grab und sieht zwei Engel in weißen Gewändern sitzen, einen zu Häupten und den andern zu den Füßen, wo sie den Leichnam Jesu hingelegt hatten. Und die sprachen zu ihr: Frau, was weinst du? Sie spricht zu ihnen: Sie haben meinen Herrn weggenommen, und ich weiß nicht, wo sie ihn hingelegt haben“ (Johannes 20,11-13). Zu dieser von Manet selbst im Bild notierten Bibelstelle steht das Gemälde in merkwürdigem Widerspruch.
Manets realistische Darstellung des Leichnams Christi stieß die meisten Kunstkritiker ab. Der Schriftsteller Théophile Gautier merkte an, dieser Christus sei so schmutzig, dass „ihn nicht einmal die Auferstehung wieder reinigen kann“, und in der Zeitschrift La Vie Parisienne wurde gescherzt, das Gemälde wolle in Wirklichkeit wohl „den armen Bergmann nach seiner Rettung aus der Kohlengrube“ abbilden. Es sehe aus, so der Kritiker von La Vie Parisienne, als sei das Bild speziell „für Monsieur Renan gemalt“ worden.
Mit dem Namen Renan kommt eines der berühmtesten und umstrittensten Bücher des 19. Jahrhunderts ins Spiel: Das Leben Jesu, 1863 von Ernest Renan (1823–1892) veröffentlicht, erreichte ein Dutzend Auflagen und rief heftige Proteste hervor. Renans Biografie Jesu ist weder polemisch noch blasphemisch. Aber sie macht Jesus zu einer historischen Figur. Renan zeigt Jesus als großen Menschen, aber dennoch ganz gewöhnlichen Sterblichen – und nicht als Sohn Gottes. Die Wunder Jesu, seine göttliche Natur, seine Auferstehung von den Toten gehören ins Reich der Legende.1862 war der Orientalist Renan zum Professor für semitische Sprachen am Collège de France ernannt worden. Kurze Zeit nachdem Das Leben Jesu erschienen war, erwirkte das französische Episkopat, dass ihm seine akademische Stellung wieder enzogen wurde.
Als Manet sein Bild des toten Christus malte, war Renans Buch das modernste Werk, das es über das Christentum gab. Manet, der immer ein „Maler des modernen Lebens“ (Charles Baudelaire) sein wollte, griff „in die Diskussion ein, die über Renan entbrannte, und lieferte seinerseits eine modene Version der Passion Christi“ (Körner 1996, S. 87). Christus ist nicht auferstanden, lautet die provokante Botschaft des Bildes. Renan legte gesteigeten Wert auf den von Johannes geschilderten Lanzenstich – für ihn ist er die amtliche Bestätigung des Todes Jesu. Manet leistet hier seinen Beitrag zur „Entmythologisierung“: Da das Herz links sitzt, ist die Seitenwunde entgegen der ikonographischen Tradition, aber unter Rücksicht auf die anatomische und historische Wahrheit auch dort anzubringen.
Ebenso ist die Angabe der Bibelstelle auf dem Stein am unteren Bildrand in diesem Zusammenhang zu sehen: „Manet konfrontierte die ›legendäre‹ Version des Johannesevangeliums mit der von ihm vorgetragenen modernen ›wissenschaftlichen‹ Version“ (Körner 1996, S. 87). In Renans Sicht war die Auferstehung nur der Wunschtraum einer ehemaligen Prostituierten, die vor Kummer halb wahnsinnig war: „Wir können jedoch sagen, dass die starke Einbildungskraft Marias von Magdala bei dieser Gelegenheit eine Hauptrolle spielte. Göttliche Gewalt der Liebe! Heilige Augenblicke, in denen die Leidenschaft einer Visionärin der Welt einen auferstandenen Gott gibt!“ (Renan 1981, S. 205). Wir als aufgeklärte, historisch gebildete Betrachter nehmen nun die Stelle der fehlenden Maria Magdalena ein, wir blicken ins Grab und sehen – der Leichnam ist immer noch da, anders als die Bibel in Johannes 20,11-13 berichtet.
Die Engel haben die gleiche Funktion wie die Inschrift auf dem Stein, so Hans Körner: „Sie signalisieren die alte, wissenschaftlich überholte Version und widerlegen sie gleichzeitig“ (Körner 1996, S. 87). Der Engel, der den aufgerichteten Oberkörper Christi stützt, blickt ohne Hoffnung ins Leere. Der Engel rechts neben dem toten Christus führt voller Trauer die Hand an die Augen – aber diese Trauer ist nicht die compassio, die die klagenden Engel auf Mantegnas Pietà dem Betrachter als Modell des Mit-Leidens vorführen. „Das Trauern von Manets Engeln ist Resignation“ (Körner 1996, S. 87). 
Caravaggio: Tod der Jungfrau Maria (um 1606); Paris, Louvre
Eine wichtige Anregung für den Toten Christus mit Engeln könnte auch Caravaggios berühmtes Gemälde Tod der Jungfrau Maria (um 1606) gewesen sein, das Manet durch seine häufigen Besuche im Pariser Louvre sicherlich vertraut war. Caravaggio präsentiert den Leichnam der Gottesmutter ohne jede Sakralisierung und in einer Weise naturalistisch, dass ihm unterstellt wurde, er habe eine ertrunkene Prostituierte aus dem Tiber als Modell der Maria benutzt.

Literaturhinweise
Emily A. Beeny: Christ and the Angels: Manet, the Morgue, and the Death of History Painting? In: Representations 122 (2013), S. 51-82;
Ross King: Zum Frühstück ins Freie. Manet, Monet und die Usprünge der modernen Malerei. Albrecht Knaus Verlag, München 2007, S. 161-166;
Hans Körner: Edouard Manet. Dandy, Flaneur, Maler. Wilhelm Fink Verlag, München 1996, S. 83-87;
Ernest Renan: Das Leben Jesu. Diogenes Verlag, Zürich 1981.

(zuletzt bearbeitet am 17. Oktober 2017)

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