Freitag, 21. Juni 2013

Jan van Eycks „Mann mit rotem Turban“


Jan van Eyck: Bildnis eines Mannes mit rotem Turban (1433); London, National
Gallery (für die lohnenswerte Großansicht einfach anklicken)
Das Jahr 1433 kann mit Fug und Recht als ein Meilenstein in der Geschichte des Porträts gelten. In dem Londoner Bildnis eines Mannes mit rotem Turban, das Jan van Eyck am 21. Oktober jenes Jahres vollendete, wendet sich der Blick des Dargestellten aus dem Bild heraus und unmittelbar dem Betrachter zu. Zum ersten Mal in in dieser Bildgattung versucht der Dargestellte, direkten Kontakt mit dem Betrachter aufzunehmen, „und da der Künstler ihn en buste, unter Weglassung der Hände, wiedergegeben hat, zeigt das Bild nichts, was vom Magnetismus des Gesichts ablenken könnte“ (Panofsky 2001, S. 195). Jan van Eycks kleinformtiges Bildnis (33,3 x 25,8 cm) gilt außerdem als eines der frühesten autonomen Selbstporträts der Neuzeit – vielleicht ist es überhaupt das erste.
Die dunkle Büste des etwa Fünfzigjährigen taucht wie aus dem Nichts aus dem schwarzen Porträthintergrund auf. „Mit ungeheurer Feinheit konzentriert der Maler das Licht, das seine größte Helligkeit in der Augenpartie des Mannes erreicht, auf die Inszenierung des wichtigsten künstlerischen Organs“ (Belting 1994, S. 151). Gekleidet ist der Dargestellte in ein Gewand von feinstem schwarzen Samt, das mit üppigem Pelzbesatz versehen wurde. Bei dem Kopfschmuck, der missverständlich – weil orientalisierend – als Turban bezeichnet wird, handelt es sich um ein zeit- und ortstypisches Bekleidungsstück, den Chaperon oder die Seidelbinde. Er zieht beinahe ebensoviel Aufmerksamkeit auf sich wie das Gesicht – eine virtuose „Faltenrhapsodie“ (Beyer 2002, S. 43). Das Porträt ist in seinem vergoldeten Originalrahmen erhalten. Auf den Holzrahmen hat van Eyck eine Inschrift gemalt, scheinbar eine in Gold getriebene Gravur in teilweise pseudogriechischen Majuskeln mit dem Motto des Künstlers: „ALS ICH CAN“. Es wird üblicherweise mit „so gut (nur) ich es kann“ übersetzt. Unten steht auf dieselbe Weise die Signatur und das Vollendungsdatum des Gemäldes in Latein: „JOH(ANN)ES DE EYCK ME FECIT AN(N)O MCCC 33 21 OCTOBRIS“ (Johannes van Eyck hat mich am 21. Oktober 1433 gemacht). Die exakte Datierung und Bekräftigung der Autorschaft unterstreichen das Verlangen van Eycks nach größtmöglicher Wirklichkeitstreue.
Jan van Eycks Selbstporträt im Originalrahmen
1433 war ein bedeutsames Jahr für den Maler – van Eyck vollendete den Genter Altar, an dem er 15 Jahre gearbeitet hatte, der ihn berühmt machte und es ihm ermöglichte, sein eigenes Haus in Brügge zu erwerben. Zudem heiratete van Eyck in diesem Jahr. Die ihm zuvor immer nur gleichsam im Zeitvertrag zugewiesene Stelle als Kammerherr Philipps des Guten wurde durch den Herzog nun auf Lebenszeit gewährt und sein jährliches Gehalt um nahezu das Doppelte erhöht – „Gründe genug, sich des eigenen gestiegenen Selbstverständnisses auch bildhaft zu versichern und ein Selbstporträt davon dauerhaft Zeugnis ablegen zu lassen (Beyer 2002, S. 43).
Jan van Eyck: Margareta van Eyck (1439); Brügge, Groeningemuseum
Sechs Jahre später sollte van Eyck auch das Bildnis seiner Ehefrau Margareta malen, die gleichfalls in Dreiviertelansicht wiedergegeben und dazu von einem ähnlichen, nur geringfügig größeren Rahmen eingefasst wird. Der trägt eine Inschrift, die uns mitteilt, dass Margareta mit einem Maler namens Johannes verheiratet war und 1439, als das Bildnis angefertigt wurde, 33 Jahre zählte. Und auch dieses Porträt signiert van Eyck sozusagen mit seinem Motto ALS ICH CAN. Die Kunsthistoriker streiten allerdings darüber, ob es sich bei dem Mann mit rotem Turban und dem Bildnis der Margareta van Eyck um echte Pendants handelt. Dagegen spricht vor allem, dass sich beide nach rechts wenden und nicht einander zu.
Margaretas zierlicher Körper verschwindet geradezu in der plastischen Fülle des mantelartigen roten Oberkleides (einem Tabbaert). Ihr Gesicht, gerahmt von einer Hörnerhaube mit weißem Krüseler, ist so naturalistisch dargestellt, „dass die gelängte, schmale Nase beinahe die Bildgrenze zu überschreiten und in den Betrachterraum hineinzuragen droht“ (Gludovatz 2004, S. 24). Auch Margareta sieht uns aus dem Bild heraus direkt an – „aus dem Blickobjekt ist ein Blicksubjekt geworden, das sieht, wer es ansieht“ (Gludovatz 2004, S. 25). Die rechte Hand Margaretas mit dem Ehering ist erst später hinzugefügt worden. Das Gemälde ist das einzige erhaltene autonome Frauenbildnis van Eycks; die Porträts der Jacobäa von Bayern und der Isabella von Portugal, das der Maler 1429 als Brautbild für den werbenden Herzog Philippe le Bon anfertigte, sind nur in Kopien überliefert.
Dass van Eyck seine Ehefrau in ihrem 33. Lebensjahr abbildet, steht wahrscheinlich in einem religiösen Zusammenhang: Nach Augustinus ist dies nämlich das Alter, in dem jeder Mensch am Jüngsten Tag auferstehen wird. Vor diesem Hintergrund würde sich in ihrem Porträt auch eine Heilshoffnung ausdrücken. Das gilt ebenso für das Bildnis eines Mannes mit rotem Turban: Der wurde zwar nicht in seinem 33. Lebensjahr, aber 1433 gemalt, wobei das 33 in arabischen Ziffern geschrieben und von der römischen Jahreszahl MCCCC noch durch Punkte abgesetzt ist.

Literaturhinweis
Hans Belting/Christian Kruse: Die Erfindung des Gemäldes. Das erste Jahrhundert der niederländischen Malerei. Hirmer Verlag, München 1994;
Andreas Beyer: Das Porträt in der Malerei. Hirmer Verlag, München 2002;
Karin Gludovatz: Vom Ehemann vollendet: Die Bildwerdung der Margareta van Eyck. In: Simone Roggendorf/Sigrid Ruby (Hrsg.), (En)gendered: Frühneuzeitlicher Kunstdiskurs und weibliche Porträtkultur nördlich der Alpen. Jonas Verlag, Marburg 2004, S. 18-37;
Dieter Jansen: Jan van Eycks Selbstbildnis – der »Mann mit dem roten Turban« und der sogenannte »Tymotheos« der Londoner National Gallery. In: Pantheon 47 (1989), S. 36-48;
Erwin Panofsky: Die altniederländische Malerei. Ihr Ursprung und ihr Wesen. Band 1. DuMont Buchverlag, Köln 2001 (urspr. 1953).

(zuletzt bearbeitet am 10. Januar 2016)