Montag, 8. Juli 2013

Berlins „Grüner Caesar“


Bildnis des Gaius Julius Caesar (1. Jh. n.Chr; römisch-ägyptisch), Berlin, Altes Museum
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Die etwas überlebensgroße Porträtbüste (Höhe mit Sockel 55 cm) aus ägyptischem Grünschiefer zeigt einen bartlosen, reifen Mann mit langem, hagerem Gesicht und hoher Stirn. Seine Frisur aus kurzen, sichelförmigen Locken liegt eng am Schädel an und lässt Geheimratsecken erkennen. Das Haar ist vom Wirbel auf dem Hinterkopf nach vorn gestrichen; es ist aber nicht plastisch abgesetzt, sondern eingeritzt und wirkt dadurch schütter. Das schmale Antlitz mit dem vorspringenden Kinn und den hohen, ausgeprägten Wangenknochen ist zur linken Schulter gewandt, so dass sich am Hals deutlich eingekerbte Falten bilden. Als scharfe Linien tief in das Gesicht eingetragen sind auch die diagonalen Nasolabialfalten, je zwei senkrechte Falten auf den Wangen, die senkrecht über der Nasenwurzel aufsteigenden Stirnfalten und die Krähenfüße in den äußeren Augenwinkeln.
Der Denar links zeigt Gaius Julius Caesar, mit dem Lorbeerkranz bekränzt, wenige Tage vor seiner Ermordung an den Iden des März 44 v.Chr
Dargestellt ist wahrscheinlich Gaius Julius Caesar (44 v.Chr. ermordet), der anhand von Münzbildern identifiziert werden kann, die in den letzten Lebensmonaten des Diktators ausgegeben wurden. Bei allen bekannten plastischen Caesar-Porträts handelt es sich um posthume, also erst nach seinem Tod entstandene Bildnisse, „die aus der Sicht seiner Nachfolger gestaltet sind und damit zugleich auch ihren eigenen Regierungsanspruch als Angehörige des julischen Geschlechts dokumentieren“ (Kunze 1992, S. 203). Der Grüne Caesar gehört in die Reihe von Porträtköpfen aus der Zeit der späten römischen Republik, die als ausgesprochen veristisch und individuell empfunden wurden und immer noch werden. Die Köpfe all dieser späten Republikaner geben jedoch keine individuellen Züge wieder, sondern zeigen typisierte Formen, die Qualitäten und Werte ausdrücken, die von einem Staatsmann dieser Zeit verlangt wurden. Die Alterszüge verdeutlichen die Autorität (auctoritas) des Dargestellten, der schmallippige, geschlossene Mund und der Blick verweisen auf Ernst und Strenge (gravitas, severitas). Energie und Tatkraft werden in der Kopfwendung deutlich. „Als Staatsmann und einer der Ersten (persona principis) der Republik verkörpert auch Caesar die Werte seiner Zeit und präsentiert sich als ein vir fortis et gravis: sich des Ernstes der Lage und der hohen Würde seines Amtes bewusst, in strenger unerschütterlicher Gesinnung“ (Grassinger 2012, S. 251). Die mageren, asketischen Züge signalisieren die Nüchternheit und Entbehrungsfähigkeit des erfolgreichen Feldherrn. Allerdings zeigt sich Caesar hier nicht im Habit des Militärs, sondern als Staatsmann der Republik, als civis romanus in Tunica und Toga.
Das Bildnis dürfte mindestens 50 Jahre nach dem Tod Caesars entstanden sein, wahrscheinlich in Ägypten. Denn die Büste zeigt nicht nur deutliche Züge der griechisch-römischen Porträtkunst, sondern auch der spätägyptischen: Auf sie verweisen die eingravierten Haare sowie die weit aufwölbende, straffe Kontur des Schädels. Der Rand des rechten Ohrs ist beschädigt, die aus weißem Marmor bestehenden Augen sind wohl im 18. Jahrhundert eingefügt worden. Auch der Sockel ist neuzeitlich. Der Kopf wurde 1767 von Friedrich II. für seine Bibliothek in Potsdam erworben. Mit weiteren Antiken aus dem königlichen Besitz gelangte er Ende der 1820er Jahre in die Berliner Antikensammlung. Dort fand das Porträt 2010 seine jetzige Aufstellung im Alten Museum.

Literaturhinweise
Dagmar Grassinger: ›Grüner Caesar‹. In: Staatliche Museen zu Berlin (Hrsg.), Die Antikensammlung. Altes Museum – Neues Museum – Pergamonmuseum. Verlag Philipp von Zabern, Mainz 2012, S. 250-251;
Sascha Klie: Zum „Grünen Caesar“ in Berlin. In: MOUSIKOS ANHR. Festschrift für Max Wegner zum 90. Geburtstag. Verlag Dr. Rudolf Habelt, Bonn 1992, S. 237-242;
Max Kunze: Bildnis des Gaius Julius Caesar. In: Staatliche Museen zu Berlin (Hrsg.), Die Antikensammlung im Pergamonmuseum und in Charlottenburg. Verlag Philipp von Zabern, Mainz 1992, S. 203;
Agnes Schwarzmeier (Hrsg.): Der Brutus vom Kapitol. Ein Porträt macht Weltgeschichte. Staatliche Museen zu Berlin, Berlin 2010, S. 109-110.

(zuletzt bearbeitet am 11. Januar 2016)