Dienstag, 21. Januar 2014

Ein Höhepunkt höfischer Porträtkunst – Hans Holbeins Bildnis des Charles de Solier


Hans Holbein d.J.: Bildnis des Charles de Solier (um 1534/35); Dresden, Gemäldegalerie
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Hans Holbein d.J. wurde um die Jahreswende 1497/98 in eine Augsburger Künstlerfamilie hineingeboren; sein gleichnamiger Vater Hans Holbein d.Ä. und sein Onkel Sigmund waren ebenso Maler wie sein nur wenig älterer Bruder Ambrosius. Gemeinsam mit Ambrosius dürfte der junge Hans seine erste künstlerische Ausbildung in der väterlichen Werkstatt erhalten haben. Da offensichtlich familiäre Beziehungen in die Schweiz bestanden, zog es die beiden Malersöhne nach Abschluss ihrer Augsburger Lehrzeit nach Südwesten an den Oberrhein; im Verlauf des Jahres 1515 müssen sie in Basel angekommen sein. Als Universitätsstadt zugleich ein bedeutendes Verlagszentrum, bot Basel gerade jungen Künstlern vielfältige Erwerbsmöglichkeiten als Buchillustratoren. Darüber hinaus erwiesen sich die Brüder auch als talentierte Porträtisten. Insbesondere dem jüngeren Hans gelang es unmittelbar nach der Ankunft in Basel, die Aufmerksamkeit des dortigen Bürgermeisters Jacob Meyer zum Hasen zu wecken: Er beauftragte den noch nicht Zwanzigjährigen 1516 mit einem Doppelbildnis, das den Bürgermeister zusammen mit seiner Ehefrau Dorothea Kannengießer zeigt.
Hans Holbein d.J.: Bildnis des Jacob Meyer zum Hasen (1516); Basel, Kunstmuseum
Hans Holbein d.J.: Bildnis der Dorothea Kannengießer (1516); Basel, Kunstmuseum
Holbein entwickelt sich künstlerisch schnell weiter – ab den frühen 1520er Jahren entfalten seine Bildnisse eine immer größere maltechnische Brillanz, die vor allem an einer eminent detailrealistischen Wiedergabe aller Bildelemente ablesbar ist. Schon in Basel wird Holbein zum Porträtisten des damals bedeutendsten Humanisten in Europa: Erasmus von Rotterdam (nicht weniger als vier eigenhändige Bildnisse aus den 1520er und früher 1530er Jahren sind erhalten geblieben; siehe meinen Post „Protegés und Protektoren“). 1526 eröffnet ihm dessen Empfehlungsschreiben in London den Zugang zu Thomas More, dem führenden englischen Humanisten und späteren Lordkanzler König Heinrichs VIII. More besaß bereits ein Erasmus-Porträt von Holbein und bestellte umgehend das heute verlorene Gruppenbildnis seiner Familie, das jedoch durch mehrere Kopien, vor allem aber durch vorbereitende Studien aller Figuren überliefert ist.
Holbein blieb bis 1528 in London und kehrte dann nach Basel zurück. 1532 brach er erneut nach England auf, wo er sein Ziel, Hofmaler Heinrich VIII. zu werden, spätestens 1536 erreichte. Zunächst aber musste Holbein in London neue Auftraggeber und Förderer finden: Thomas More war wegen seines Dissenses mit dem König in der Frage der Ehescheidung von seinem Amt als Lordkanzler zurückgetreten und in Ungnade gefallen (er wurde 1535 hingerichtet); William Warham, Primas der anglikanischen Kirche, der sich von Holbein während seines ersten England-Aufenthaltes hatte malen lassen, starb 1532.
Unmittelbar nach seiner Ankunft nahm Holbein Kontakt auf zu den Hansekaufleuten aus dem Heiligen Römischen Reich, die im Londoner Stalhof ihre zentrale Niederlassung hatten. Zahlreiche der in London ansässigen Handelsherren gaben ab 1532 bei Holbein Porträts in Auftrag. Während seines Aufenthaltes als französischer Gesandter am englischen Hof zwischen April 1534 und Juli 1535 ließ sich auch Charles de Solier von Holbein porträtieren.
Das lebensgroße Bildnis zeigt den Diplomaten frontal als Dreiviertelfigur nah an die vordere Bildebene herangerückt, wobei er das Bildformat mit seiner massigen Figur fast zur Gänze ausfüllt. Höchst effektvoll heben sich das bärtige Gesicht, die Hände und das weiße Hemd, das zum Teil aus den Ärmelschlitzen hervorblitzt, vom Dunkel der kostbaren schwarzen, teils pelzbesetzten Kleidung und dem dunkelgrünen Damastvorhang ab, der den Dargestellten hinterfängt. 
Jean Clouet: Bildnis Franz I. (um 1530); Paris, Louvre
Die Maße des ungewöhnlich großen Porträts (92,5 x 75,5 cm) stimmen fast zentimetergenau mit Jean Clouets Bildnis des französischen Königs Franz I. überein. Bei Clouets Gemälde handelt sich um ein frontal ausgerichtetes Halbfigurenporträt vor rotem Brokat, wobei der Oberkörper leicht gedreht erscheint. Der französische König trägt einen reich geschmückten schwarzen Hut mit einer weißen Straußenfeder, die Kette des St. Michael-Ordens und ein Gewand aus goldbesticktem schwarzem Samt und weißem Satin. Die linke Hand hält den goldenen Griff des Schwertes, die rechte, die auf der mit grünem Samt bedeckten Brüstung aufliegt, einen Handschuh. Für diesen Typus hatte Jean Fouquet (1420–1481) mit seinem Porträt Charles VII. das Modell geliefert.
Jean Fouquet: Bildnis Charles VII. (um 1445); Paris, Louvre
Clouets imposantes Bildnis von Franz I. war offensichtlich auch in England bekannt und diente Holbein als Vorbild. „Es ist nachvollziehbar, dass der Botschafter, der Frankreich und dessen Interessen am englischen Hof vertrat, sein Bildnis als dezidiertes Manifest französischer Hofkultur, Machtdemonstration und Loyalität gegenüber Franz I. verstanden wissen wollte“ (Bonnet/Kopp-Schmidt 2010, S. 376). Holbein platziert den Gesandten ebenfalls vor einem stoffdrapierten Hintergrund. Charles de Solier zeigt sich allerdings anders als der halbfigurig porträtierte französische König bis unterhalb der Hüften. Die Ärmel seines breitschultrigen Mantels reichen bis an die Bildränder, werden aber nur wenig überschnitten. Kopf und Körper sind frontal ausgerichtet; die Beleuchtung kommt deutlich von links, deswegen ist die dem Licht abgewandte Gesichtshälfte verschattet. Die strenge Frontalität „bewirkt eine ungemein zwingende Konfrontation des Betrachters mit dem Dargestellten, da weder Blick noch Körperhaltung auf etwas anderes als das Gegenüber ausgerichtet zu sein scheinen“ (Bonnet/Kopp-Schmidt 2010, S. 376).
Die Präsenz de Soliers wird gesteigert durch das Gewand nach französischer Mode mit seinen ausladenden, geschlitzten und von Goldnesteln zusammengehaltenen Ärmeln und den schwarzen, mit braunem Fell gefütterten Mantel. Er trägt ein mit der Kopfbedeckung des französischen Königs fast identisches Barett mit Goldapplikationen und einer Agraffe am hochgestellten Rand. Die Haare des Gesandten sind bereits ergraut, während sein akkurat geschnittener Vollbart noch Strähnen der ursprünglich rötlich-blonden Farbe zeigt. Auf den eindringlichen Blick hatte sich Holbein bereits in der vorbereitenden Kreidestudie, die er dem Porträt zugrunde legte, konzentriert.
Holbeins Vorzeichnung befindet sich ebenfalls in Dresden (Kupferstich-Kabinett)
Wie bei Clouet ziehen auch de Soliers Hände die Aufmerksamkeit auf sich, hier in Höhe der Hüften. In der bloßen rechten Hand hält er einen hirschledernen Stulphandschuh, mit der behandschuhten Linken umfasst er die Scheide eines kostbaren goldenen Dolches, der an einer blau-goldenen Kette von seinem Gürtel herabhängt. Zusammen mit der schweren Goldkette verdeutlichen sie den hohen sozialen Status des Gesandten.
Werkstatt des Hans Holbein d.J.: Bildnis Heinrich VIII. (um 1535-40); Rom, Galleria Nazionale
Das Bildnis Charles de Soliers bildet ohne Frage einen Höhepunkt der höfischen Porträtkunst Holbeins. Dafür sorgt nicht nur die Kostbarkeit der illusionistisch genau gemalten Stoffe wie Samt, Seide, Atlas oder Pelz, sondern vor allem die geradezu einschüchternde Persönlichkeit des Gesandten. Holbeins Bildnis nimmt außerdem die ganzfigurige Darstellung Heinrich VIII. vorweg, die Holbein 1537 für die Privy Chamber in Whitehall Palace angefertigt hatte. Das Original ist verloren (es wurde 1698 bei einem Brand zerstört); seine Gestaltung, die den Typus des Königsporträts Heinrich VIII. festlegte und den unbedingten Machtanspruch des Königs ins Bild setzt, blieb aber durch Kopien und die Entwürfe Holbeins erhalten.
Hans Holbein d.J. war nur etwas über ein Jahrzehnt Arbeits- und Lebenszeit in England vergönnt – er starb, vermutlich an der Pest, am 29. November 1543 in London.

Literaturhinweise
Oskar Bätschmann/Pascal Griener: Hans Holbein. DuMont Buchverlag, Köln 1997, S. 134-135;
Anne-Marie Bonnet/Gabriele Kopp-Schmidt: Die Malerei der deutschen Renaissance. Schirmer/Mosel, München 2010;
Harald Marx: Das Bildnis des Charles de Solier, Sieur de Morette, von Hans Holbein dem Jüngeren. In: Hans Holbein der Jüngere. Akten des Internationalen Symposiums Kunstmuseum Basel, 26.–28. Juni 1997. Verlag Karl Schwegler, Zürich 1999, S. 263–279;
Jochen Sander: Gebt dem König, was des Königs ist! Hans Holbein d.J. als Bildnismaler in Basel und London. In: Sabine Haag u.a. (Hrsg.), Dürer – Cranach – Holbein. Die Entdeckung des Menschen: Das deutsche Porträt um 1500. Hirmer Verlag, München 2011, S. 139-143.

(zuletzt bearbeitet am 3. Oktober 2016)