Freitag, 10. Januar 2014

Kein Entrinnen, nirgends – Pieter Bruegel d.Ä. malt den „Bethlehemitischen Kindermord“


Pieter Bruegel d.Ä.: Der Bethlehemitische Kindermord (um 1564; originale, in Details übermalte Fassung); Surrey, Hampton Court (für die Großansicht einfach anklicken) 
Pieter Bruegel d.J.: Der Bethlehemitische Kindermord (um 1564/66; Kopie); Wien, Kunsthistorisches Museum
(für die Großansicht einfach anklicken)
Das Neue Testament erzählt nur in einem einzigen Vers vom „Bethlehemitischen Kindermord“, und zwar in Matthäus 2,16: „Als Herodes nun sah, dass er von den Weisen betrogen war, wurde er sehr zornig und schickte aus und ließ alle Kinder in Bethlehem töten und in der ganzen Gegend, die zweijährig und darunter waren, nach der Zeit, die er von den Weisen genau erkundet hatte.“ Pieter Bruegel d.Ä. (1525/30–1569), der bedeutendste niederländische Maler des 16. Jahrhunderts, hat für seine Darstellung dieses biblischen Ereignisses die Kulisse einer verschneiten flämischen Stadt gewählt. Man sieht weder Vegetation, noch Architektur, noch Gewänder, die auch nur einen Hauch des Vorderen Orients vermitteln könnten. Vermutlich unterscheidet sich kaum ein anderer Ort der Welt stärker vom historischen Bethlehem. Einzig der Stern im Schild des Gasthauses erinnert noch an die biblische Geschichte.
Dieser Stern ist jedoch nur in einer Kopie des Bildes von Pieter Bruegel d.J. zu sehen. Denn das Original von Bruegels Gemälde – es befindet sich in Hampton Court südwestlich von London – wurde in Details übermalt. Ein späterer Besitzer hatte die Szenerie als derart grausam empfunden, dass er viele der ermordeten Kinder durch Vögel und andere Motive ersetzen ließ. Offensichtlich glaubte dieser Eigentümer, „dass der Künstler das Thema zu blutrünstig dargestellt und dadurch das Decorum verfehlt habe“ (Müller 2009, S. 137). Die Fassung im Kunsthistorischen Museum Wien ist zwar später entstanden, zeigt uns aber den ursprünglichen Zustand des Bildes.
Mit äußerster Grausamkeit gehen die Soldaten gegen die Zivilbevölkerung vor. Die Schergen schleppen die Kinder vor den schwarzgekleideten Mann in der Bildmitte und massakrieren sie vor dessen Augen. Diese improvisierte Hinrichtungsstätte ist das eigentliche Zentrum des Gemäldes. Von hier geht der Befehl zur Tötung aus, hierher kehren die Häscher zurück, um die Morde auszuführen. Viele Kinder liegen bereits tot im Schnee und werden von ihren Müttern beweint.
Nicht Truthähne werden hier getötet, wie die Übermalung des Originals zeigt, sondern
Wickelkinder (für die Großansicht einfach anklicken)
Links vorn erkennt man eine junge Frau, die versucht, ihr Kind zu retten. Sie wird von einem Soldaten verfolgt, der schon das Schwert gezückt hat. Nicht er allerdings, sondern der Reiter, dessen Pferd nicht ohne Eleganz herangaloppiert, wird die Frau im nächsten Moment erreichen und niederstoßen, um das Kind zu töten. Freudig springt der Hund nebenher, als ginge es darum, ein Wild zu jagen. Unmittelbar rechts von dieser Szene kniet ein Mann nieder, um zwei Reiter um Gnade für die Kinder zu bitten. Ehrfürchtig hat er seine Mütze abgenommen. Doch die beiden rot gewandeten Offiziere nehmen den Mann gar nicht wahr oder ignorieren ihn schlicht.
Hilflos sind die Menschen den Soldaten ausgeliefert; überall im Bild treffen wir auf Verzweiflung und tiefe Niedergeschlagenheit, Fassungs- und Ratlosigkeit. Im Mittelgrund erkennt man auf der rechten Seite, wie ein Häscher in ein Haus eindringt, während eine Mutter mit ihrem Kind auf dem Arm durch einen Seiteneingang zu fliehen versucht. Hier wartet jedoch schon ein weiterer Scherge, der diese Fluchtmöglichkeit offensichtlich vorausgesehen hat. Auf der gegenüberliegenden Seite ist ein aufgebrachter Mann zu sehen, der wohl auf den Henkersknecht vor ihm losgehen würde, hielten ihn seine Nachbarn nicht zurück. Unmittelbar daneben versucht ein Vater, seine kleine Tochter, auf die er mit dem linken Zeigfinger weist, gegen seinen Sohn, der gerade von einem Soldaten weggetragen wird, zu tauschen.
Immer aufs Neue hoffen wir, dass es doch wenigstens einer Mutter gelänge, den Mördern zu entkommen – um dann feststellen zu müssen, wie aussichtslos das ist. Das Dorf selbst wirkt dabei wie „ein großes optisches Gefängnis“ (Müller 2009, S. 142). Uns als Betrachter weist der gewählte Bildausschnitt einen distanzierten Standort zu: Es ist, als würden wir aus dem Fenster eines Hauses herunterschauen, das sich auf Höhe der gegenüberliegenden Dächer befindet. 
Die Häuser links und rechts der Straße rahmen das Geschehen und führen gleichzeitig in die Tiefe des verschlossenen Bildraums. Wie einer undurchdringlichen Phalanx sieht sich der Betrachter den schwerbewaffneten Lanzenreitern gegenüber, in deren Mitte der schwarzgekleidete Anführer auf seinem Pferd sitzt. Falls den Häschern aber doch ein Kind entwischen sollte, ist für diesen Fall auf der Brücke im Hintergrund eine berittene Wache aufgestellt. So kann man oberhalb des angebundenen Pferdes links eine Person erkennen, die versucht, sich mit einem Kind davonzuschleichen. Doch der Betrachter weiß, dass dies erfolglos sein wird, scheint man doch die Brücke passieren zu müssen ...
Selbst die Häuser bieten den Menschen kein Schutz vor den Soldaten, die nicht eher ruhen zu wollen scheinen, bis sie auch die letzten Kinder gefunden und umgebracht haben. Vorne rechts brechen finstere Gestalten auf Befehl ihres Hauptmanns in ein Haus ein, während eine andere Gruppe dabei ist, durch ein Fenster einzudringen. Dafür hat sie eigens ein Fass gegen die Hauswand gestellt, das als Tritt benutzt wird. Anders dagegen der große Spürhund im Vordergrund, der nur widerwillig seiner Aufgabe nachkommen will: Die Jagd auf Kinder scheint mit dem Instinkt des Tieres nicht vereinbar zu sein.
In der linken Bildhälfte erkennt man einen Reiter, der gegen eine Hauswand pinkelt, während ein Mann sein Pferd hält (ein Detail, das man übrigens auch in der Volkszählung zu Bethlehem findet; siehe meinen Post „Bethlehem in Flandern“). Das „dringende Bedürfnis“ des Soldaten hat dazu geführt, dass die bereits erwähnte fliehende Person im linken Hintergrund hat vorbeischlüpfen können. Doch schon im nächsten Moment wird sich dieser vermeintlich friedliche, von seinem Harndrang getriebene Mensch in einen Mörder zurückverwandeln.
Zu der Hinrichtungsszene in der Bildmitte gehören auch zwei Frauengestalten, von denne die eine im Klagegestus die Hände erhoben und die andere in ihrem Schmerz ihr Gesicht mit den Händen bedeckt. Sie gehören zum typischen Bildpersonal einer Kreuzigung. „Durch dieses Versatzstück aus der Kreuzigungsikonograhie ergibt sich ein typologischer Hinweis für das Verständnis der Tafel, denn die Kinder werden dadurch zu Protomärtyrern erklärt und weisen auf das Martyrium Christi voraus“ (Müller 1998, S. 287). Auch bei den Reitern mit den aufgerichteten Lanzen kann man an eine Kreuzigungsszene denken.
In der kunsthistorischen Forschung ist der Bethlehemitische Kindermord von Bruegel immer wieder mit der spanisch-habsburgischen Fremdherrschaft in den südlichen Niederlanden in Verbindung gebracht worden. Dabei wurde der schwarze Anführer im Zentrum des Bildes mit Herzog Alba gleichgesetzt, der seit 1567 Statthalter in den habsburgischen Niederlanden war und dort ein Terrorregime errichtete. Damit begann ein über 80 Jahre andauernder Befreiungskrieg. Der jugendliche Bote rechts, um dessen Pferd sich mehrere Bewohner scharen, trägt den Habsburger Doppeladler auf seiner Brust – ein eindeutig zeitgeschichtlicher Hinweis. Der Doppeladler findet sich auch am Dachfirst des Hauses, das auf der vertikalen Bildachse platziert ist. Keine Frage: Bruegel bezieht mit seinem Bild eindeutig Partei gegen die brutalen Besatzer und Unterdrücker.

Literaturhinweise
Christian Gräf: Die Winterbilder Pieter Bruegels d.Ä. Jahreszeitliche Erscheinungen des Winters als Bedeutungs- und Stimmungsträger. VDM Verlag Dr. Müller, Saarbrücken 2009;
Jürgen Müller: Überlegungen zum Realismus Pieter Bruegels d.Ä. am Beispiel seiner Darstellung des Bethlehemitischen Kindermordes. In: Morgen-Glantz. Zeitschrift der Christian Knorr von Rosenroth-Gesellschaft 8 (1998), S. 273-296;
Jürgen Müller: Spuren im Schnee – Anmerkungen zu zwei „Winterbildern“ Pieter Bruegels d.Ä. In: Kirsten Kramer/Jens Baumgarten (Hrsg.), Visualisierung und kultureller Transfer. Verlag Königshausen und Neumann, Würzburg 2009, S. 133-150.

(zuletzt bearbeitet am 6. Februar 2016)

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