Sonntag, 14. Dezember 2014

Schwermütig im Paradies – „Johannes der Täufer in der Einöde“ von Geertgen tot Sint Jans


Geertgen tot Sint Jans: Johannes der Täufer in der Einöde (um 1484);
Berlin, Gemäldegalerie (für die Großansicht einfach anklicken)
Wir sehen Johannes den Täufer in einer sanften, moosigen Waldlandschaft, die alles andere als eine „Wüste“ ist (Markus 1,4) und sich so sicherlich nicht im Heiligen Land finden lässt. Er hat sich auf einer grasbewachsenen Felsenbank niedergelassen und stützt den Kopf schwermütig in die rechte Hand, den Blick sinnend ins Unbestimmte bzw. nach innen gerichtet. Johannes trägt ein dunkelbraunes Gewand aus Kamelhaar, das in den Evangelien erwähnt wird (Matthäus 3,4); über seine Schultern fällt ein langer blauer Mantel herab. Goldene Strahlen umgeben sein Haupt, seine Füße sind nackt.
Die Melancholie, die aus der Haltung des Täufers spricht, steht in eigentümlichem Kontrast zur grünenden Landschaft, die ihn umgibt und die er in ihrer Schönheit gar nicht wahrnimmt: Es ist Sommer, alles blüht und sprießt, am Himmel ziehen Mauersegler ihre Bahn, Kaninchen knabbern an den frischen Blättern, ein Hase springt übermütig umher, während eine Elster durch das Gras hüpft, Fasane aus den Büschen auffliegen, Hirsche unter Schatten spendenden Bäumen äsen und ein Reiher am Ufer eines sumpfigen Teiches nach Nahrung sucht. Das Auf und Ab des hügeligen Geländes, die Windungen des kleinen Bachlaufs und die perspektivische Anordnung von Bäumen und Buschwerk führen das Auge Schritt für Schritt in einen allmählich dichter werdenden Wald, der sich immer weiter in die Ferne erstreckt, wo schließlich die Stadt Jerusalem erkennbar wird. Wahrscheinlich hat der niederländischer Maler Geertgen tot Sint Jans hier eine der ersten perspektivisch durchgestalteten Freilandschaften geschaffen.
Von der Idylle um ihn her nimmt Johannes nichts wahr
„Das leise geschäftige Treiben der kleinen Tiere um den Täufer herum macht durch den Kontrast die Regungslosigkeit des Einsiedlers um so spürbarer“ (Pächt 1994, S. 224). Er bemerkt nichts von dem, was um ihn vorgeht, nicht einmal das Lamm dicht neben ihm, auch nicht die Anwesenheit des Betrachters. Das weiße Tier, von dessen Kopf goldene Strahlen ausgehen, ist ein Symbol für Christus; Johannes selbst sagt über Jesus: „Siehe, das ist Gottes Lamm, das der Welt Sünde trägt“ (Johannes 1,29). Johannes ist die Außenwelt „völlig abhanden gekommen“ (Pächt 1994, S. 226): in sich versunken, meditiert er in innerer Vorausschau über den Leidensweg Jesu, denn das geopferte Lamm ist Sinnbild für das Passion Christi, durch die der Sohn Gottes Erlösung für die Menschheit erwirkt. Auch die übereinandergeschobenen, durch ihre Größe hervorgehobenen Füße des Täufers erinnern an die Kreuzigung Jesu; die Vorderhufe des Lammes an seiner Seite sind ebenfalls gekreuzt. Vor allem aber verweist der Gestus des sitzenden Täufers mit der in den Kopf gestützten Hand auf den Bildtypus des spätgotischen „Christus in der Rast“ bzw. „Christus im Elend“ und betont so die innere Verbindung zwischen den beiden Figuren.
Hans Leinberger: Christus im Elend (um 1525); Berlin, Bode-Musuem
Wohl sind die Schwermut, die tiefe Trauer und die Weltabgewandtheit des Johannes durch den inneren Blick auf den Kreuzestod Christi bedingt; aber der Betrachter nimmt wahr, dass die „Einöde“, in der er sich aufhält, sich längst in ein sorgloses, friedvolles Paradies verwandelt hat. Es ist ein durch den Baumbestand abgeschirmter hortus conclusus, eine stille, idyllische Landschaft ohne gefährliche wilde Tiere, denn das Lamm versöhnt durch sein Opfer Gott und Mensch und steht sinnbildlich für ewiges Leben und paradiesisches Glück in einer himmlischen Welt.
Albrecht Dürer: Heilige Familie (Zeichnung, 1493/94); Berlin, Kupferstichkabinett
(für die Großansicht einfach anklicken)
Albrecht Dürer war von dem Geertgens-Gemälde sichtlich beeindruckt. In einer frühen Zeichnung, einer „Heiligen Familie“ im Berliner Kupferstichkabinett, hat er Geertgens liebliche Landschaft übernommen. Auch in seinem 1514 entstandenen Kupferstich Melencolia scheint er sich an den Täufer des niederländischen Künstlers erinnert zu haben. „Auch wenn die Haltung des ruhenden Denkers – einen Ellbogen aufs Knie und das Kinn in die Hand gestützt – beinahe so alt wie die westliche Kunst selbst ist, so kommen doch keine anderen Beispiele dieses weitverbreiteten Bildtyps einander näher als Geertgens und Dürers Figuren“ (Panofsky 2001, S. 334). Sie entsprechen einander nicht nur in Form und Umriss, sondern auch im Ausdruck einer fast körperlichen Niedergeschlagenheit: Hier wie dort sinkt der Körper in sich zusammen, die Knie weichen auseinander, die frei Hand liegt kraftlos im Schoß.
Albrecht Dürer: Melencolia (1514); Kupferstich (für die Großansicht einfach anklicken)
Literaturhinweise
Hans Belting/Christian Kruse: Die Erfindung des Gemäldes. Das erste Jahrhundert der niederländischen Malerei. Hirmer Verlag, München 1994, S. 266;
Wolfgang Krönig: Geertgens Bild Johannes’ des Täufers. In: Das Münster 3 (1950), S. 193-206;
Otto Pächt: Altniederländische Malerei. Von Rogier van der Weyden bis Gerard David. Prestel Verlag, München 1994, S. 222-226;
Erwin Panofsky: Die altniederländische Malerei. Ihr Ursprung und ihr Wesen. Band 1. DuMont Buchverlag, Köln 2001 (urspr. 1953), S. 334-335.

(zuletzt bearbeitet am 6. April 2016)

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