Samstag, 20. Juni 2015

Hinters Licht geführt – Caravaggios „Wahrsagerin“ aus dem Louvre


Caravaggio: Die Wahrsagerin (1596/97); Paris, Louvre (für die Großansicht einfach anklicken)
Die Wahrsagerin, um 1596/97 entstanden, ist eines der frühen Halbfigurenbilder Caravaggios, auf denen die Personen nahe und lebensgroß an den Betrachter herangerückt werden. Rechts sehen wir einen vornehm gekleideten jungen Herrn, der sich nach links einer ebenfalls jungen Frau zuwendet – einer Zigeunerin, die ihm die Zukunft aus der Hand liest. Der Jüngling trägt ein hellbraunes, deutlich gemustertes Damastwams, über dem am Hals ein gerüschter Kragen liegt, einen dunklen Federhut sowie einen über die Schulter geworfenen Umhang. Außerdem ist er mit einem Degen ausgestattet (einem Reiterschwert). Den rechten Lederhandschuh hat er abgestreift, um der Zigeunerin seine Handfläche zu zeigen. Die Wahrsagerin blickt ihn aus den Augenwinkeln an, während sie mit geschlossenem Mund ebenso verlockend wie undurchsichtig lächelt. Caravaggio hat den Oberkörper des jungen Mannes schräg ins Bild gestellt, die Frau hingegen beinahe parallel zur Bildfläche ganz leicht mit ihrem Körper in die Gegenschräge gerückt, ihr Kopf ist in Dreiviertelansicht wiedergegeben. Beiden Figuren ist ziemlich genau eine Bildhälfte vorbehalten. Wo die Szene genau stattfindet, lässt sich nicht benennen; der Hintergrund wird von einer bräunlich-gelben Fläche gebildet mit schräg von links oben nach rechts verlaufenden Schattenstreifen.
Die Wahrsagerin trägt, verglichen mit dem jungen Stutzer neben ihr, schlichtere Kleidung: einen dunkelgrünen Überwurf, der über der rechten Schulter durch einen Knoten zusammengehalten wird und dessen dunkelrotes Futter nach außen geschlagen ist, eine weiße, plissierte Bluse mit weiten Ärmeln und schmalem, schwarz besticktem Kragen und ein streng um das Kinn gebundenes, ebenfalls schwarz besticktes Kopftuch. Dabei handelt es sich tatsächlich um die traditionelle Tracht der Zigeunerinnen in Südeuropa – allerdings hat ihr Gewand nichts Armseliges an sich.
Behutsam hält die Wahrsagerin die nach oben gekehrte rechte Hand des Jünglings mit vier Fingern ihrer Linken an Gelenk und Handballen; mit den Fingern der Rechten hat sie wohl soeben seine „Liebeslinie“ studiert und deutet sie dem Kunden nun. Der wiederum scheint nicht nur das Lächeln der Zigeunerin als Einladung zu verstehen, sondern ist auch von ihren schönen Augen so gefesselt, dass er nicht mehr auf seine Hand achtet. Dabei entgeht ihm – dass er gerade bestohlen wird. Der freundlich dreinschauenden Zigeunerin ist nicht anzusehen, was sie im Schilde führt: Während sie mit ihrem Zeigefinger die Mittelfinger-Wurzel seiner Hand berührt, streift sie ihm heimlich mit ihren gekrümmten Fingern einen Ring ab. Die junge Frau ist eine Betrügerin, die dem jungen Mann nicht nur ein zweifelhaftes Horoskop ausstellt, sondern ihn obendrein noch um ein Schmuckstück erleichtert.
An seiner Zukunft ist der elegante Kavalier aber wohl gar nicht wirklich interessiert. Was er viel eher sucht, so Jürgen Müller, verdeutlicht, sein regelrecht in den Betrachterraum hineinragender Degengriff. Neben dem direkten Blick der jungen Frau und ihrem einnehmenden Lächeln ist es vor allem die Berührung seiner rechte Hand, die ihn bezaubert. „Dass ihre Zärtlichkeit nicht ohne Folgen bleibt, zeigt einmal mehr der Degengriff“ (Müller 2010, S. 160).
Die in die Hüfte gestützter Arm mit dem ausgreifenden Ellenbogen stellt ein Selbstbewusstsein des abenteuerlustigen Jünglings zur Schau, das nicht unbedingt mit Lebenserfahrung gepaart ist und sich deswegen als aufgesetzt erweist. Wir haben es hier mit einem naiven, wohlbehüteten, fernab aller Armut und Not aufgewachsenen Burschen zu tun, den man ohne große Mühe zu täuschen vermag. Handschuhe und Degen sind Insignien seiner adligen Herkunft, doch verweist der ausgezogene Handschuh gleichzeitig auch auf die entblößte und schutzlose Rechte, „die sich wie von der Figur abgeschnitten und durch den schwarzen Kontur des Umhangs von ihr isoliert im Bereich der Zigeunerin befindet“ (Raabe 1996, S. 65). Oder lässt sich der junge Mann vielleicht nur allzu bereitwillig betrügen? Lässt er den Diebstahl bewusst zu? „Denn wie anders wollte man seinen melancholischen Blick erklären, wenn nicht dadurch, dass der Ring mit einem Treuegelöbnis in Verbindung steht, das dieser Kavalier nun zu brechen bereit ist“ (Müller 2010, S. 164).
Caravaggio: Die Falschspieler (1594/95); Fort Worth, Kimbell Art Museum (für die Großansicht einfach anklicken)
Die Gesichtszüge des jungen Mannes ähneln dem naiven Opfer aus Caravaggios früherem Genrebild Die Falschspieler. In der Wahrsagerin sind sie noch rundlicher – und denen der jungen Frau angeglichen. Dadurch wirken die beiden „wie ein Paar in froher Zweisamkeit“ (Brassat 2006, S. 118). Caravaggio verstärkt den Eindruck, dass es sich hier um eine erotische Annäherung handelt, zusätzlich durch seine Lichtregie: „In addition, the artist insistently draws the viewer’s atention to the axis linking the two actors’ gazes, by casting the diagonal shadow of a window frame onto the wall serving as a backtop“ (Pericolo 2011, S. 153). Doch der Schein trügt: Wie der herausgeputzte Jüngling werden auch wir als Betrachter hinters Licht geführt. Aber darin besteht ja bis heute zu einem großen Teil der Reiz des Bildes. Getäuscht werden und die Täuschung erkennen (ohne Hab und Gut verloren zu haben ...) bereitete dem Kunstliebhaber damals wohl das eigentliche Vergnügen bei der Betrachtung dieses Gemäldes. Die private Sammlung war dafür der ideale Ort, wo man sich gesellig vor einem Kunstwerk versammelte und darüber ins Gespräch kam.
Doch die damaligen Betrachter waren noch in einem weiteren Punkt die Gefoppten: Wolfgang Brassat betont, Grundpfeiler der Renaisancekunst sei das Vertrauen in die Identität von äußerer Schönheit und innerer Tugend gewesen (Brassat 2006, S. 118). Dieses Denkmuster, nach dem Schönheit ein Zeichen von Güte und Hässlichkeit von schlechtem Charakter ist, stellt Caravaggio mit seiner liebreizenden Zigeunerin auf den Kopf. Das muss die damaligen Betrachter irritiert haben, und die Maler, die im Fahrwasser Caravaggios zahlreiche Wahrsagerinnen und Falschspieler schufen, haben diese Figuren deswegen auch wieder mit Gesichtszügen versehen, die über ihre charakterlichen Mängel keinen Zweifel ließen.
Georges de La Tour: Die Wahrsagerin (um 1635); New York, Metropolitan Museum of Art
Den Ring selbst hat Caravaggio in seinem Bild nur zart angedeutet, heute ist er kaum noch zu erkennen, zumal er im Schatten der Handfläche sitzt. Auch wir als Betrachter bemerken ihn und damit den Diebstahl erst beim zweiten Hinsehen – wenn überhaupt. Am ehesten sieht man ihn noch, wenn man direkt vor dem Original steht. Das hängt im Louvre, unweit der ständig umlagerten Mona Lisa und deswegen meist unbeachtet. Es existiert noch eine weitere Version der Wahrsagerin, die sich heute im Museo Capitolino in Rom befindet und von den meisten Forschern als eine frühere Fassung betrachtet wird.
Caravaggio: Die Wahrsagerin (um 1595); Rom, Museo Capitolino (für die Großansicht einfach anklicken)
Haben wir es bei der Wahrsagerin mit einem Genrebild zu tun, das uns ein „Alltagsdrama“ zeigt? Es spricht auch einiges für eine erotische Lesart des Gemäldes  – oder ist es vielleicht sogar religiös besetzt? Wo Verführung und Betrug im Spiel sind, könnte mit dem jungen, begüterten Stutzer auch der verlorene Sohn aus dem Gleichnis Jesu gemeint sein (Lukas 15,11-32), der in der Fremde sein ererbtes Vermögen verprasst. Willi Hirdt wiederum verortet den Stoff im Bereich der italienischen Komödie, und zwar in der Gattung der zingaresca, einer Farce, die während der Karnevalszeit in Städten und auf dem Land vor einem höchlich begeisterten Publikum auf Ochsenkarren oder improvisierten Bühnen gesungen und gespielt wurde (Hirdt 1998, S. 93).
Die Interpretation eines solchen Bildes ist jedenfalls nicht zu trennen von der Praxis eines „lauten Betrachtens“, das sei nochmals betont: „Die Dramaturgie der Bilderzählung rechnet mit einer dialogischen Auslegung, in der verschiedene Deutungsoptionen ausgesprochen werden. Die Entdeckungen werden umso amüsanter, wenn man sie einen zweiten oder dritten Beobachter mitteilen kann“ (Müller 2010, S. 167).

Literaturhinweise
Wolfgang Brassat: Schulung ästhetischer Distanz und Beobachtung dritter Ordnung. Werke Caravaggios in rezeptionsästhetischer und systemtheoretischer Sicht. In: Steffen Bogen u.a. (Hrsg.), Bilder – Räume – Betrachter. Festschrift für Wolfgang Kemp zum 60. Geburtstag, Dietrich Reimer Verlag, Berlin 2006, S. 108-129;
Jutta Held: Caravaggio. Politik und Martyrium der Körper. Reimer Verlag, Berlin 1996 und 2007, S. 33-35;
Willi Hirdt: Caravaggios Wahrsagende Zigeunerin. Versuch einer Deutung. In: Willi Hirdt, Lesen und Sehen. Aufsätze zu Literatur und Malerei in Italien und Frankreich. Stauffenberg Verlag, Tübingen 1998, S. 75-111; 
Jürgen Müller: Weitere Gründe dafür, warum die Maler lügen. Überlegungen zu Caravaggios Handlesender Zigeunerin aus dem Louvre. In: Steffen Haug u.a. (Hrsg.), Arbeit am Bild. Ein Album für Michaels Diers. Verlag der Buchhandlung Walther König, Köln 2010, S. 156-167;
Lorenzo Pericolo: Money and Sedection: Narrative Patterns in Caravaggio’s Two Versions of The Fortune Teller. In: Lorenzo Pericolo, Caravaggio and Pictoral Narrative. Dislocating the Istoria in Early Modern Painting. Harvey Miller Publishers, Turnhout 2011, S. 135-155;
Rainald Raabe: Der Imaginierte Betrachter. Studien zu Caravaggios römischem Werk. Georg Olms Verlag, Hildesheim 1996, S. 60-69.

(zuletzt bearbeitet am 9. Mai 2016)