Samstag, 11. Juli 2015

Aufschrei gegen den Krieg – Karl Schmidt-Rottluffs „Kristus“ von 1918


Karl Schmidt-Rottluff: Kristus (1918); Holzschnitt
(für die Großansicht einfach anklicken)
Die Holzschnitte von Karl Schmidt-Rottluff (1884–1976) gehören zu den eindrucksvollsten Grafiken, die der der deutsche Expressionismus hervorgebracht hat. Von 1915 bis 1918 als Armierungssoldat in Litauen und Russland stationiert, führten die Kriegserfahrungen des Künstlers zu einer intensiven Beschäftigung mit religiösen Fragen. So entstanden in den Jahren 1918/19 zahlreiche Holzschnitte zu biblischen Themen. Besonders hervorzuheben ist eine neun Blätter umfassende Christus-Folge, von denen manche noch an der Front in Rußland angefertigt wurden.
Der Holzschnitt Kristus, das Titelblatt der Grafik-Mappe, zeigt streng frontal einen maskenhaften Kopf mit wulstigen Lippen, einer kubisch-kantigen Nase und schwarzen, asymmetrischen Augen. Deutlich lehnt sich Schmidt-Rottluff mit diesen Formen an Skulpturen afrikanischer und ozeanischer Herkunft an. Bart, Haartracht und Strahlenkranz verweisen darauf, dass es sich um das Haupt Christi handelt. Sein Antlitz hat jegliche Harmonie und Schönheit verloren, Mund, Nase und Augen scheinen bewusst auf Hässlichkeit angelegt –  die Erschütterung des Weltkrieges schlägt sich stilistisch nieder.
Christi Stirn ist wie von einer Dornenkrone oder einem Brandmal mit der Jahreszahl 1918 gezeichnet; am unteren Bildrand ist die mahnende Inschrift „ist euch nicht Kristus erschienen“ eingeschnitten. Die Darstellung Christi wird von Schmidt-Rottluff auf die Gegenwart bezogen und zur Anklage gegen das grausige Kriegsgeschehen gesteigert. Trotz der entstellten, verstörenden Gesichtszüge leuchtet dieser Christuskopf auf; in der Finsternis und den Verwüstungen des Krieges ist er Quelle des Lichts und der Erneuerung. Zerstörung und Chaos führen zu einem Innewerden Christi und seiner Lehre. Sie gilt es, von allen bürgerlichen Schlacken zu befreien und ihren urchristlichen Kern zu verkünden. Schmidt-Rottluff stellt der Verzweiflung die Hoffnung auf einen durch den Glauben gewandelten „neuen Menschen“ entgegen. Sein Holzschnitt soll als moralischer Appell verstanden werden, zu einer Ethik im Sinne der vollkommenen Menschenliebe Christi umzukehren.
Dennoch steht in Schmidt-Rottluffs Grafik nicht der Mensch Jesus im Vordergrund, sondern vielmehr – erkennbar an dem übergroßen Heiligenschein – der göttliche Christus. Er ist das Gegenbild zur eigenen friedlosen Zeit. Schmidt-Rottluff fegt mit seinem Kristus die weltentrückt-süßliche, letztlich völlig harmlosen Christusdarstellungen der Nazarener und ihrer Nachfolger hinweg – dieser „wilde“ Sohn Gottes ist ein echter Revolutionär. Und er ist eine unmissverständliche Absage an die etablierten Kirchen, die die Waffen gesegnet hatten, mit denen der Erste Weltkrieg geführt wurde.
Christusikone aus der orthodoxen Gemeinde des Heiligen Isidor in Berlin
Neben den Anleihen bei magisch-animistischer Stammeskunst könnten Schmidt-Rottluff auch Vorbilder aus der altrussischen Kunst zu seinem Kristus angeregt haben: Stephan von Wiese verweist auf die Nähe zu Pantokrator-Darstellungen und Erlöser-Ikonen, so z. B. große Brustbild des Christus-Pantokrators in der Hagia Sophia von Nowgorod (Ende des 11. Jahrhunderts entstanden).

Literaturhinweise
Jost Hermand: Karl Schmidt-Rottluff: ist euch nicht kristus erschienen (1919). In: Jost Hermand: Politische Denkbilder. Von Caspar David Friedrich bis Neo Rauch. Böhlau Verlag, Köln/Weimar/Wien 2011, S. 118-132;
Stephan von Wiese: Graphik des Expressionismus. Verlag Gerd Hatje, Stuttgart 1976;
Stephan von Wiese: Expressionistische Verkündigung. Bemerkungen zu Schmidt Rottluffs religiösen Holzschnitten. In: Gunther Thiem/Armin Zweite, Karl Schmidt-Rottluff. Retrospektive. Prestel-Verlag, München 1989, S. 42-48.

(zuletzt bearbeitet am 10. Mai 2016)

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