Samstag, 1. August 2015

Die attraktive Witwe – Hans Holbein porträtiert Christina von Dänemark


Hans Holbein: Christina von Dänemark (1538);
London, National Gallery
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Nach dem Tod von Jane Seymour, die im Oktober 1537 kurz nach der Geburt des Thronfolgers Edward am Kindbettfieber gestorben war, ging der englische König Heinrich VIII. auf die Suche nach einer geeigneten neuen Gemahlin – der zu diesem Zeitpunkt vierten. Da ihn die Gemälde potentieller Kandidatinnen, die von Gesandten in London vorgelegt wurden, nicht zufriedenstellten – weil sie beispielsweise zu wenig vom Gesicht erkennen ließen –, schickte er 1538/39 seinen Hofmaler Hans Holbein (1497–1543) auf Reisen, um „getreue“ Porträts anzufertigen. Holbeins erster Besuch galt Christina von Dänemark, der sechzehnjährigen, verwitweten Herzogin von Mailand. Ihr Mann, Francesco II. Sforza, hatte sie 1533 als Zwölfjährige geheiratet war 1535 gestorben. Als Holbein Christina von Dänemark am 12. März 1538 aufsuchte, hielt sie sich in Brüssel am Hof ihrer Tante Maria von Ungarn auf.
Eine strenge, alle Haare verhüllende schwarze Samthaube umrahmt das helle, porzellanhaft schimmernde Gesicht, das en face aus dem Bild blickt. Nur der hellrote, kleine Mund bringt etwas Farbe in das Antlitz und korrespondiert mit dem leuchtend roten Ring an der linken Hand. Das Kleid ist schwarz, vermutlich ebenfalls aus Samt, hochgeschlossen mit einem kleinen Stehkragen, über dem eine schmale weiße Rüschenkrause sichtbar wird, die auch an den Handgelenken unter den Ärmeln zum Vorschein kommt. Über dem in der Taille gebundenen Kleid trägt die junge Frau einen langen, seidig glänzenden schwarzen Mantel, der mit braunem Fell unterfüttert ist. Sie steht ohne Beigaben in einem undefinierten Ambiente. Der Boden ist hellbraun, der Hintergrund tiefdunkel blau-grün. Lediglich der Schatten ihrer Gestalt, der über der linken Schulter erkennbar ist, und der verdunkelte Streifen, der an der rechten Bildkante entlangläuft, verweisen darauf, dass sie sich wohl in einem Innenraum befindet.
Christina von Dänemark saß Holbein in Brüssel für vorbereitende Studien knappe drei Stunden Modell. Vermutlich hat er in dieser Zeit Zeichnungen des Kopfes und der sorgfältig ausgeführten Hände, die ein Paar Handschuhe halten, angefertigt sowie eine Skizze der ganzen Gestalt in ihrem auffälligen, von den englischen Bräuchen abweichenden Witwengewand. Mit dem Bildnis der Christina von Dänemark hat Holbein sein einziges Ganzfiguren-Porträt geschaffen, das eine Frau alleine darstellt und nicht Teil eines Ehe-Diptychons ist. Auch die übrigen Ganzfiguren-Porträts aus dieser Zeit, etwa von Lucas Cranach, zeigen Frauen in kompletter Gestalt und auf einer eigenen Tafel nur im Zusammenhang von Ehepaar-Bildnissen.
Hans Holbein: Anna von Kleve (1539); Paris, Musée du Louvre
(für die Großansicht einfach anklicken)
Obwohl den König das Bild in Hochstimmung versetzte, kam die Ehe mit der attrraktiven jungen Witwe nicht zustande. Deswegen musste Holbein im Lauf des Jahres noch mehrmals auf das Festland reisen, um Portraits weiterer in Frage kommender Damen anzufertigen. Als 1540 immer noch keine neue Ehe in Sicht war, wurde der Künstler erneut mit einem Porträt beauftragt: Dieses Mal war Anna von Kleve ausersehen worden, eine der Töchter des protestantischen Herzogs von Kleve. Diese Verbindung schien Heinrich VIII. aus politischen Gründen sinnvoll, und sein Berater Thomas Cromwell unterstützte sie tatkräftig. Holbeins Bilder von der deutschen Braut – die in zwei Versionen erhalten sind – fanden offenkundig so großen Anklang, dass Heinrich VIII. sich zu einer Ehe entschloss. Er ließ sie jedoch nach wenigen Monaten wieder annullieren, um Catherine Howard zu seiner fünften Frau zu nehmen. Als Grund wurde angegeben, dass die Schönheit der Braut nicht den Bildern entsprach. Holbein erhielt dennoch ein Honorar für seine Arbeit; königliche Auftrage wurden zwar nach 1539 nicht mehr an ihn  herangetragen, trotzdem entlohnte man ihn bis zu seinem Tod als Hofmaler. Ungleich härter traf es den eifrigen Vermittler und Ehestifter Thomas Cromwell: Er fiel gänzlich in Ungnade und wurde im Juli 1540 wegen Hochverrats hingerichtet.

Literaturhinweise
Oskar Bätschmann/Pascal Griener: Hans Holbein. DuMont Buchverlag, Köln 1997, S. 192;
Anne-Marie Bonnet/Gabriele Kopp-Schmidt: Die Malerei der deutschen Renaissance. Schirmer/Mosel, München 2010, S. 384;
Jochen Sander: Gebt dem König, was des Königs ist! Hans Holbein d.J. als Bildnismaler in Basel und London. In: Sabine Haag u.a. (Hrsg.), Dürer – Cranach – Holbein. Die Entdeckung des Menschen: Das deutsche Porträt um 1500. Hirmer Verlag, München 2011, S. 139-143.

(zuletzt bearbeitet am 10. Mai 2016) 

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