Mittwoch, 26. August 2015

„Löst die Binden und lasst ihn gehen!“ – Caravaggios „Auferweckung des Lazarus“


Caravaggio: Auferweckung des Lazarus (1609); Messina, Museo Regionale
(für die Großansicht einfach ankllicken)
Die Auferweckung des Lazarus wird im Johannes-Evangelium ausführlich beschrieben (11,1-45). Caravaggio (1577–1610) hat das biblische Ereignis auf einem Gemälde, das 1609 im sizilianischen Messina entstanden ist und zu seinen letzten Altarbildern zählt, in die Grabeshöhle selbst verlegt. Der nur angedeutete düstere Innenraum wird durch einen scheinwerferartigen Lichtstrahl erleuchtet. In ein rotes Gewand und einen dunkelgrünen Mantel gehüllt, steht die Gestalt Christi weitgehend verschattet am linken Bildrand. Lediglich seine rechte Schulter und der Rücken der ausgestreckten Rechten, mit der er auf Lazarus weist, sind hell beleuchtet.
Der ausgemergelte nackte Körper des Lazarus wird, bereits teilweise von den Grabtüchern befreit, von einem sich nach vorne beugenden Mann gehalten und zugleich mit dem linken vorgestellten Bein gestützt. Bei diesem Tragemotiv greift Caravaggio auf die berühmte antike Pasquino-Gruppe in Rom zurück und auf Giulio Romanos Fresko Kampf um die Leiche des Patroklos aus dem Palazzo del Te in Mantua. 
Giulio Romano: Kampf um die Leiche des Patroklos (1538/39); Mantua, Palazzo del Te
Unterhalb von Lazarus liegen ein Totenschädel und Knochen am Boden, die den Ort als Begräbnisstätte kennzeichnen. „Die Steifheit des Körper mit den weit ausgebreiteten Armen und dem zurückgesunkenen Kopf macht anschaulich, dass Lazarus gerade erst im Begriff ist, aus seiner Totenstarre zu erwachen“ (Schütze 2009, S. 215). Die pathetisch im Gegenlicht erhobene Hand scheint er der Quelle des Lichts entgegenzustrecken. Lazarus empfängt das Heil mit kreuzförmig ausgebreiteten Armen – und weist damit voraus auf die durch den Kreuzestod Jesu erwirkte Erlösung und die mit ihr verbundene Auferstehung von den Toten.
Caravaggio hat seine Komposition friesartig aufgebaut. Am rechten Bildrand stehen dicht hinter ihrem Bruder Martha und Maria; die eine der Schwestern hat sich zu Lazarus hinuntergebeugt und hält seinen Kopf liebkosend umfangen – sie scheint ihren Bruder regelrecht wachzuküssen. Das ist durchaus ungewöhnlich, denn in der Bildtradition halten die beiden Frauen oder ihre Begleiter sich oft die Nasen zu, um dem Leichengeruch zu entgehen (Johannes 11,39).
Als wollte sie ihm Leben einhauchen ...
Auf der linken Seite steht eine Gruppe aus Jüngern und den im Evangelium erwähnten Juden, die Christus zur Grabeshöhle gefolgt waren. Während die dicht gedrängt unmittelbar hinter Jesus stehenden Männer auf das zentrale Ereignis der Auferweckung blicken, haben sich die drei hintereinander gestaffelten Personen, die zwischen Christus und Lazarus stehen, in Gegenrichtung dem Licht zugewandt. Der Eingang der Grabeshöhle liegt außerhalb des Bildes; der durch ihn einfallende Lichtstrahl lenkt den Blick auf die Gestalt des Lazarus und veranschaulicht so, dass göttliche Gnade seine Auferweckung bewirkt hat. Caravaggio hat die Hand des Lazarus isoliert in die Mitte der Figurenkomposition gesetzt; das Licht, von dem sie getroffen wird, ist Sinnbild des wiederkehrenden Lebens. Ganz ähnlich werden auch die Hände des Saulus in Caravaggios Bekehrung des Saulus und die erhobene Hand des Apostels im Martyrium des Matthäus von göttlichem Licht erfasst.
Caravaggio: Bekehrung des Saulus (1600/1601); Rom, Santa Maria del Popolo
Der Evangelientext betont ausdrücklich, dass Christus Gottvater anruft, bevor er Lazarus auffordert, sich zu erheben: „Jesus aber hob seine Augen auf und sprach: Vater, ich danke dir, dass du mich erhört hast. Ich weiß, dass du mich allezeit hörst; aber um des Volkes willen, das umhersteht, sage ich’s, damit sie glauben, dass du mich gesandt hast“ (Johannes 11,41-42). Caravaggio bezeichnet durch das Licht Gottvater als denjenigen, der hinter dem Geschehen steht. „Die sich dem Licht zuwendenden Gestalten erkennen die wahre Ursache des Wunders, sie werden zugleich in Gestalt des Lichts der Herrlichkeit Gottes ansichtig, die Jesus im unmittelbar vorangehenden Vers Martha verheißen hatte“ (Schütze 2009, S. 215). Dort heißt es: „Habe ich dir nicht gesagt: Wenn du glaubst, wirst du die Herrlichkeit Gottes sehen?“ (Johannes 11,40). Dieser Zusammenhang wird auch indirekt durch die Erweckungsgeste Jesu verdeutlicht, die unverkennbar von Michelangelos Gottvater aus der Erschaffung Adams in der Sixtinischen Kapelle übernommen ist. Die gleiche Geste hat Caravaggio auch schon in seiner Berufung des Matthäus verwendet (siehe meinen Post „Heimgeleuchtet“), und dort wie hier erfüllt sie die gleiche Funktion, nämlich die, zu neuem Leben zu erwecken.
Caravaggio: Berufung des Matthäus (1599/1600); Florenz, San Luigi dei Francesi
Lorenzo Pericolo hat darauf hingewiesen, dass die zentrale Figurengruppe um Lazarus und seine Schwestern wie eine Beweinungsszene aufgebaut ist: „Lazaruss body replaces Christs, whereas Marthas leaning figure and caressing face stand for those of the bereaved Virgin“ (Pericolo 2011, S. 441). Damit wären in der Auferstehung des Lazarus auch die Kreuzabnahme und Marienklage vorgebildet. Jesus, der von keiner der anderen Personen wirklich wahrgenommen und beachtet wird, erkennt in dem toten Lazarus sein eigenes, ihm von seinem himmlischen Vater vorbestimmtes Schicksal. „In Christs separteness thus lie the tragic undertones of The Resurrection of Lazarus“ (Pericolo 2011, S. 445).
Caravaggio hat übrigens in seiner Auferweckung des Lazarus – wie schon in der Gefangennahme Christi (siehe meinen Post Malerei mit dem Scheinwerfer) – ein Selbstporträt untergebracht: im Hintergrund, genau über der Hand Christi und ins Profil gewandt, mit zum Gebet gefalteten Händen, dem Erlösung bringenden Licht entgegenblickend.

Literaturhinweise
Silvia Cassani/Maria Sapio (Hrsg.): Caravaggio. The Final Years. Electa Napoli, Neapel 2005, S. 125-126;
Jutta Held: Caravaggio. Politik und Martyrium der Körper. Dietrich Reimer Verlag, Berlin 2007 (zweite Auflage), S. 192-195;
Lorenzo Pericolo: Narratives of the Non-Finito: On Caravaggio’s Denial of Saint Peter, The Burial of Saint Lucy, and The Resurrection of Lazarus. In: Lorenzo Pericolo, Caravaggio and Pictoral Narrative. Dislocating the Istoria in Early Modern Painting. Harvey Miller Publishers, Turnhout 2011, S. 415-445;
Herwarth Röttgen: Kreuz und Auferstehung – Caravaggios Auferweckung des Lazarus. In: Carla Heussler/Sigrid Genischen (Hrsg.), Das Kreuz. Darstellung und Verehrung in der Frühen Neuzeit. Verlag Schnell & Steiner, Regensburg 2013, S. 96-113;
Sebastian Schütze: Caravaggio. Das vollständige Werk. Taschen Verlag, Köln 2009, S. 212/215.

(zuletzt bearbeitet am 18. Mai 2016)