Sonntag, 2. August 2015

Paukenschlag der Renaissance-Architektur: Brunelleschis „Findelhaus“ in Florenz


Filippo Brunelleschi: Findelhaus (1419-1445); Florenz
Den Auftrag für das Ospedale degli Innocenti („Haus der unschuldigen Kinder“), bekannt als Findelhaus, erhielt Filippo Brunelleschi (1377–1446) von der Seidenhändlerzunft, deren Mitglied er seit 1404 war und die in Florenz über das Wohlergehen der Findlinge und Waisen wachte. Bis 1427 hatte Brunelleschi die Bauleitung inne, 1445 wurde das Findelhaus geweiht. Was bei der bereits von mir vorgestellten Kirche Santo Spirito zu beobachten ist (siehe meinen Post „So harmomisch wie der Kosmos selbst“), gilt auch für das Findelhaus: Der Architekt hat den Bau nicht vollendet, und seine Nachfolger haben entstellende Eingriffe in die ursprüngliche Konzeption vorgenommen.
Kleiner Portikus im Verhältnis zur Gesamtanlage mit großer Wirkung
Der Gebäudekomplex besteht aus einer offenen Vorhalle; ihr folgt ein von zwei quadratischen Räumen flankierter Flur, der sich auf der rückwärtigen Seite fortsetzt. Er wird unterbrochen von einem quadratischen, von Arkaden umgebenen Innenhof, an den sich an der Nordseite die Kirche und an der Südseite der Krankensaal anschließen. Beide Räume haben einen direkten Zugang zur Vorhalle. Im rückwärtigen Trakt befinden sich kleinere Versorgungsräume.
Den wichtigsten Teil des Gebäudes, sein Herzstück sozusagen, bildet aber ohne Frage die offene Vorhalle. Der Blick auf den Grundriss lässt erkennen, wie klein dieser Portikus im Verhältnis zur Gesamtanlage ist. Dennoch bestimmt er die Fassade, die „Schauseite“, an der der Haupteingang liegt. Die Vorhalle besteht aus einem 71 Meter langen Arkadengang, der aus neun Jochen mit quadratischem Grundriss gebildet wird. Die neun breiten Rundbögen liegen zur Straße hin auf schlanken Säulen mit korinthischem Kapitell und zur Außenwand des Hauptbaus auf Kragstücken. Die Rundbögen sind als volle Halbkreise ausgeführt. Der Bogen über Rundsäulen ist ein Hauptmotiv Brunelleschis und zugleich eines, das er in die Architektur der Renaissance einführt. Wie bei einem römischen Tempel erstreckt sich über die gesamte Breite der Vorhalle eine Treppe mit neun Stufen, die sie zum Platz hin öffnet.
Zwei der „Wickelkinder“ von Andrea della Robbia in den Bogenzwickeln
Das obere Stockwerk des Findelhauses zeigt kleine rechteckige Fenster mit Giebelabschluss, die über den Scheiteln der Bögen sitzen. Der Rhythmus unten wird auf diese Weise oben wieder aufgenommen. Ein abgestufter Architrav trennt die beiden Stockwerke. In den Bogenzwickeln sind seit 1487 blau-weiß glasierte Terrakotta-Medaillons von Andrea della Robbia (1435–1525) angebracht, die sogenannten „Wickelkinder“. Wäre es allerdings nach dem Architekten gegangen, hätten die Rundbilder leer bleiben müssen. Ihre Wirkung wäre dann vergleichbar mit Masaccios gemalter Architektur in seinem berühmtem Trinitäts-Fresko (Santa Maria Novella, Florenz). „Als Architekt ist Brunelleschi Purist“ (Gärtner 1998, S. 30). Das gilt auch für die Wände und Gewölbe: Sie waren ganz ohne Fresken, nur verputzt und weiß gestrichen. Lediglich Bauteile aus hellgrauem Sandstein akzentuierten die verputzten Flächen.
Masaccio: Trinität (um 1425-1427); Florenz, Santa Maria Novella

Alle Bauteile stehen zueinander in einem genau definierten Verhältnis: Das Maß, dem die Proportionen des Findelhauses folgen, ist der Abstand zwischen zwei Säulen. Es geht auf den antiken Architekturtheoretiker Vitruv zurück und bestimmt hier die Höhe die Säulen ebenso wie die Distanz vom Architrav bis zum Gesims des Obergeschosses: Der halben Maßeinheit entspricht die Fensterhöhe einschließlich der Giebel sowie der Stich (die Bogenhöhe); die doppelte Maßeinheit wiederum zeigt die Höhe der Fassade vom Treppenabsatz bis zum Gesims, auf dem die Fenster aufliegen.
Brunelleschis ursprüngliche Planung für die Vorhalle
Brunelleschis Nachfolger als Bauleiter war Francesco della Luna. Besonders bedauerlich sind die Veränderungen, die della Luna an der Fassade des Findelhauses vornahm. Brunelleschi hatte als seitlichen Abschluss je ein Pilasterfeld vorgesehen; sein Nachfolger fügte jedoch rechts ein zweites hinzu und durchbrach damit die angestrebte Symmetrie. Außerdem ließ della Luna den Architrav an den äußeren Pilastern umbrechen und führte ihn bis zum Sockel hinab. Der dritte Eingriff betrifft das Obergeschoss: Es ist zu wenig ausgebildet; außerdem fehlen die beiden Pilaster, die die äußeren Fenster von der Fassadenmitte abheben sollten. Durch diese Wandpfeiler hätten die des Untergeschosses eine Fortsetzung gefunden. In der jetzigen Form sind die abschließenden Pilasterfelder etwas breiter als die offenen Arkaden; dadurch rücken die beiden äußeren Fenster links und rechts von den inneren ab.
Rückgriff auf antike Bauformen: die korinthische Säule
Ohne Frage benutzt Brunelleschi antike Motive für seinen Bau wie die Ädikula-Rahmung der Fenster und die korinthischen Säulen. Dennoch unterscheidet sich seine Loggia durch die Schlankheit der Säulen und die Weite der Joche von antiken Bauwerken, zum Beispiel den Bogengängen des Kolosseums in Rom. Als Anregung hat Brunelleschi auch Architektur aus dem 11. und 12. Jahrhundert gedient, allen voran das Florentiner Baptisterium, an dem Vorbilder für die Fensterform zu finden sind. Mit der Vorhalle des Findelhauses brach Brunelleschi so radikal mit der herkömmlichen Bauweise, dass schon damals von einem ganz neuen Stil gesprochen wurde, der sich deutlich von dem der Gotik abhebt. Brunelleschi entdeckte die Säule wieder, den Rundbogen, die Wandfläche und fand zu einer neuen Klarheit und Einfachheit.
Zwischen 1516 und 1525 schuf der Architekt Antonio da Sangallo d.Ä. dem Findelhaus gegenüber für die Bruderschaft des Servitenordens eine Säulenvorhalle, und zwischen 1599 und 1601 entstand neben dem Findelhaus die Säulenhalle der Kirche Santissima Annunziata. Sie umschließen gemeinsam den Platz, der durch sie gebildet wird. Brunelleschi hatte diese Piazza – die erste der für die Renaissance so bedeutenden Platzanlagen – von Anfang an so geplant: Ihre Achse bezog sich über die Via dei Servi auf die Mitte der Domkuppel.
Die erste Platzanlage der Renaissance: die Piazza Santissima Annunziata
Die innocenti, die Findelkinder, konnten heimlich in die pila gelegt werden, eine Art Kelch aus Stein, der auf der Loggia aufgestellt worden war. 1660 wurde die pila durch die torna ruota ersetzt, einen drehbaren, halb offenen Holzzylinder in einer Tür der Loggia, der bis 1875 in Betrieb blieb. Nach dem Läuten der daneben angebrachten Glocke wurde von innen die Lade umgedreht und das Kind herausgenommen. Man versorgte die Kinder im Findelhaus, bis sie sieben oder acht Jahre alt waren – dann mussten sie arbeiten.

Glossar
Ädikula: Rahmung von Portalen, Fenstern oder Nischen mittels zweier Säulen, Pfeiler oder Pilaster, die ein Gebälk und einen Dreicks- oder Segmentbogengiebel tragen.
Architrav: auf Stützen (z. B. Säulen) aufliegender, tragender Hauptbalken.
Loggia: offener, von Säulen oder Pfeilern gestützter Bogengang (oder Bogenhalle).
Pilaster: rechteckiger, zumeist nur wenig vorspringener Wandpfeiler mit Basis, Schaft und Kapitell, der die Wandfläche gliedert; oft kanneliert, d. h. mit senkrechten Rillungen am Schaft versehen.
Portikus: meist offener Vorbau eines Gebäudes, von Säulen oder Pfeilern getragen.
Zwickel: dreiseitig begrenztes Flächenstück; Zwickel ergeben sich beispielsweise aus der rechteckigen Umrahmung von Bögen (Bogenzwickel) oder bei Kuppelbauten in der Überleitung von quadratischem Grundriss zur Rundung der Kuppel (Hängezwickel).

Literaturhinweise
Christoph Luitpold Frommel: Die Architektur der Renaissance. Verlag C.H. Beck, München 2009, S. 16-18;
Peter J. Gärtner: Filippo Brunelleschi 1377–1446. Könemann Verlag, Köln 1998, S. 28-35;
Alexander Markschies: Brunelleschi. Verlag C.H. Beck, München 2011, S. 61-73;
Ursula Muscheler: Wiedergefundene Klarheit. Das Findelhaus in Florenz (1419-1445). In: Ursula Muscheler, Sternstunden der Architektur. Von den Pyramiden bis zum Turmbau von Dubai. Verlag C.H. Beck, München 2009, S. 114-123.

(zuletzt bearbeitet am 10. Mai 2016) 

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