Montag, 19. Oktober 2015

Porträt-Kunst der Renaissance: Sandro Botticellis Londoner Bildnis eines jungen Mannes


Sandro Botticelli: Bildnis eines jungen Mannes (um 1480/85); London,
National Gallery (für die Großansicht einfach anklicken)
Der junge Mann steht uns nahezu frontal gegenüber („en face“) und blickt uns direkt an. Sandro Botticellis Porträt, entstanden um 1480/85, zeigt ihn als Bruststück, d. h., wir sehen seinen Kopf mit einem Großteil des Oberkörpers, den Schultern und Armabschnitten. Der Unbekannte trägt ein braunes, mit Pelz verbrämtes Wams und eine rote Mütze über langem gewelltem Haar. Botticelli hat ihn in leichter Untersicht und vor einem schwarzem Hintergrund dargestellt. Der dunkle Fond und die realistische Wiedergabe von Kopf und Gesichtszügen verweisen auf den Einfluss niederländischer Vorbilder. Zahlreiche Dokumente belegen, dass flämische Porträts, besonders jene von Hans Memling, im Florenz des 15. Jahrhunderts sehr geschätzt waren (siehe meinen Post „Die Porträtkunst des Hans Memling“): Sie wurden häufig von italienischen Kaufleuten, die in Brügge Handel trieben, in Auftrag gegeben. Obwohl Memlings große Neuerung das Bildnis vor Landschaftshintergrund war, orientiert sich sich Botticelli bei seiner Londoner Darstellung an Memlings Porträts mit monochrom dunklem Hintergrund, die ebenfalls in Florenz belegt sind.
Hans Memling: Biuldnis eines Mannes mit Nelke (um 1480/85); New York,
Pierpont Morgan Library (für die Großansicht einfach anklicken)
Aber Botticelli kopiert nicht einfach das Schema von Memling, er fügt ein neues Element hinzu: die Frontalansicht. Kurz zuvor hatte Botticelli  bereits die Profildarstellung der traditionellen italienischen Porträtmalerei zugunsten des flämischen Dreiviertelansicht aufgegeben. Nun geht er noch einen Schritt weiter und dreht den ganzen Körper des Modells zum Betrachter, nicht nur seinen Blick wie bei den meisten zeitgenössischen Bildnissen, z. B. den Porträts von Antonello da Messina. 
Antonello da Messina: Bildnis eines Mannes (1475/76); London, National Gallery
(für die Großansicht einfach anklicken)
Dabei hat Botticelli den Kopf des jungen Mannes allerdings etwas aus der Mitte gerückt. Bis zu diesem Zeitpunkt waren Frontaldarstellungen in ganz Europa vor allem mit dem Antlitz Christi verknüpft, das sich der Legende nach wundersam auf dem Schweißtuch der Veronika auf dem Weg nach Golgatha abgebildet hatte.
Antonello da Messina: Salvator mundi (1465); London, National Gallery
Der Gesichtstypus des Porträtierten – heller Teint, hohe Stirn, volle Lippen und lange kastanienbraune Locken – ist bei vielen Figuren Botticellis anzutreffen, die seine Fresken und Tafelbilder bevölkern. Offenbar handelt es sich um sein Ideal männlicher Schönheit. Der junge Mann erinnert besonders an den schlafenden Kriegsgott auf Botticellis Gemälde Venus und Mars in der Londoner National Gallery, das auf 1485 datiert wird.
Sandro Botticelli: Venus und Mars (1485); London National Gallery (für die Großansicht einfach anklicken)
Aus den 1480er Jahren ist noch ein weiteres Porträt Botticellis erhalten; es zeigt ebenfalls einen jungen Mann vor dunklem Hintergrund, der wie auf dem Londoner Bildnis eine rote Kappe sowie mit Pelz verbrämte Kleidung trägt. Allerdings hat der Jüngling die linke Hand an die Brust gelegt und den Kopf nach links geneigt – was bislang nicht überzeugend gedeutet werden konnte.
Sandro Botticelli: Porträt eines jungen Mannes (um 14899/90); Washington D.C.,
National Gallery of Art

Literaturhinweise
Lorne Campbell u.a. (Hrsg.): Die Porträtkunst der Renaissance. Van Dyck, Dürer, Tizian ... Chr. Belser AG, Stuttgart 2009, S. 106;
Ulrich Rehm: Botticelli. Der Maler und die Medici. Eine Biographie. Philipp Reclam jun., Stuttgart 2009, S. 148-149.

(zuletzt bearbeitet am 21. Mai 2016)