Montag, 16. März 2015

Um unsrer Sünden willen zerschlagen – das Passionskreuz in St. Maria im Kapitol (Köln)


Passionskruzifix, unbekannter Meister (um 1300); Köln, St. Maria im Kapitol
In St. Maria im Kapitol, der schönsten unter den zwölf romanischen Kirchen in Köln, findet sich eines der bewegendsten gotischen Kruzifixe, die ich kenne. Es handelt sich um ein Crucifixus dolorosus, ein Passions- bzw. Gabelkruzifix aus Nussbaumholz vom Beginn des 14. Jahrhunderts. Die von einem unbekannten Bildhauer modellierte Figur Christi kann als einer der drastischsten mittelalterlichen Darstellungen des Gekreuzigten gelten.
Der ausgezehrte Körper Jesu, etwas unterlebensgroß, zeigt deutlich die Spuren, die Geißelung und Dornenkrone hinterlassen haben. Er hängt mit weit zurückgespannten Armen an einem Gabelkreuz; die Nagelwunden sind grausam aufgerissen, unter der dünnen Haut zeichnen sich die Knochen ab. Der Bauch ist tief eingesunken, der Brustkorb, in dem sich alles gestaut hat, wölbt sich stark geweitet hervor, ebenso die in grausamer Reihung zählbaren Rippen. Wir sehen Christus in dem Augenblick, in dem der Tod eintritt. Das Haupt ist so tief vornübergesunken, dass man nur ganz von unten her in das blutüberströmte, entstellte Gesicht blicken kann. Die Arme sind nach oben und gleichzeitig etwas nach hinten gedreht, sodass die Schulter- und Ellbogengelenke weit hervortreten. Außerdem wurden die Hände in Richtung des Kreuzstammes gebogen, sodass sie fast senkrecht nach oben weisen.
Die Marter ist beendet
Die Todesqualen sind im Gesicht genau herausgearbeitet. Der Mund steht leicht offen, sodass die Zahnreihen oben und unten sichtbar werden. Neben der Nasenwurzel gibt es an beiden Seiten markante Hautfalten, durch die das Gesicht wie zerfurcht erscheint. Das Barthaar ist ornamental angeordnet und strahlt inmitten der Leidensmerkmale eine gewisse Vornehmheit aus. Das Haupthaar wiederum ist von Schweiß und Blut durchtränkt und deshalb zu dicken Strähnen verklebt, die bis auf die Brust herabfallen. „Sie sind teilweise angesetzt und noch alle erhalten, was bei Crucifixi dolorosi selten der Fall ist, weil solch filigrane Teile schnell abbrechen“ (Hoffmann 2006, S. 21). Die Dornenkrone ist aus Tau zu einem dichten Flechtband gedreht; zahlreiche hölzerne Dorne ragen aus ihr heraus und verletzen den Schädel.
Die Nagelwunden in den Händen zeigen drastisch, was es bedeutet, mit dem ganzen Gewicht des eigenen Körpers an einem solchen Kreuz zu hängen. Die Haut ist weit aufgerissen, darunter werden die Knochen und Sehnen sichtbar. Aus den Nagelwunden fließen dicke Bluttropfen die Handgelenke und Unterarme herab. Um die Blutläufe deutlich sichtbar zu machen, sind sie mit dicker Grundierung plastisch aufgetragen worden. Ebenfalls mit Grundierung aufgetragen (auf ein Stück Leinwand) ist der breite Blutstrom, der unterhalb der Seitenwunde hinabfließt. Mit zusätzlichen Materialien sind auch die Adern und Sehnen aufgebracht: Sie bestehen aus Bindfäden, die dem Holz aufgelegt und mit Grundierungsmasse in die Figur eingebunden sind. Der ganze Körper ist mit Bluttropfen übersät.
Auch wenn sich die Nagelwunden durch einen krassen Realismus auszeichnen – historisch korrekt sind sie nicht. Denn bei einer Nagelung durch die Handflächen und die Füße würde tatsächlich die Haut reißen und der Körper nach kurzer Zeit vom Kreuz stürzen. Deswegen sind die von der römischen Justz zum Tode Verurteilten durch die Gelenke an Kreuze genagelt worden, oder sie wurden mit Stricken an den Querbalken gebunden. So war es möglich, dass der Körper stundenlang am Kreuz hängen blieb, bis der Tod auf qualvolle Weise durch Ersticken und Erschöpfung eintrat – manchmal erst nach sieben Tagen. Der Tod Christi ist demgegenüber überraschend schnell eingetreten, wie die Evangelien übereinstimmend berichten (Markus 15,21-41). Die Kreuznägel sowie die Seitenwunde werden allerdings nur im Johannes-Evangelium erwähnt (19,34; 20,25).
Gottes Sohn, qualvoll als Mensch gestorben
Äußerst charakeristisch für sie mittelalterlichen Passionskreuze sind die Geißelmale auf dem Körper Christi; das Crucifixus dolorosus aus St. Maria im Kapitol zeigt sie vor allem auf dem Brustkorb, an Armen und Beinen dagegen fehlen sie. Die Geißelmale sind rund, sie haben einen plastischen Rand und sind innen flach. Stets laufen nach unten ein, zwei oder drei Bluttropfen heraus. Technisch bestehen die Geißelmale aus schmalen Leinwandstreifen, die zu einem Kreis geformt und mit Grundierung aufgebracht wurden.  Überdeutlich verweisen die Crucifixi dolorosi auf die Worte des Propheten Jesaja, die die Exegeten schon immer auf den leidenenden Christus bezogen hat: „Er hatte keine Gestalt und Hoheit. Wir sahen ihn, aber da war keine Gestalt, die uns gefallen hätte. Er war der Allerverachtetste und Unwerteste, voller Schmerzen und Krankheit. Er war so verachtet, dass man das Angesicht vor ihm verbarg; darum haben wir ihn für nichts geachtet. Fürwahr, er trug unsre Krankheit und lud auf sich unsre Schmerzen. Wir aber hielten ihn für den, der geplagt und von Gott geschlagen und gemartert wäre. Aber er ist um unsrer Missetat willen verwundet und um unsrer Sünde willen zerschlagen. Die Strafe liegt auf ihm, auf dass wir Frieden hätten, und durch seine Wunden sind wir geheilt“ (Jesaja 53, 2-5).
Das Lendentuch Christi ist von bemerkenswerter Eleganz. Der Stoff fällt mit breiten, scharfkantigen waagrechten Faltenumbrüchen über den linken Oberschenkel und das Knie Jesu, während sein rechtes Knie frei bleibt. Vor dem Bauch ist das Tuch zu einer breiten waagrechten Bahn mit feinen Falten umgeschlagen, die um die ganze Hüfte herumreicht. Blutmalerei in den Faltentiefen weist auf die Qualen der Kreuzigung hin. Eine markantes Detail ist die Falte vor dem vorderen Oberschenkel, die oberhalb des Knies zusammensinkt: Es handelt sich dabei um ein Motiv, das aus der Romanik stammt. Als bekanntes Beispiel sei hier auf das Gerokreuz aus dem späten 10. Jahrhundert im Kölner Dom verwiesen.
Gerokreuz (spätes 10. Jh.); Kön, Dom;
der Strahlenkranz wurde erst 1683 gefertigt
Der Korpus des Kruzifixes ist vom Hals bis zu den Füßen aus einem Stamm herausgearbeitet. Der Brustraum wurde ausgehöhlt und mit einem Holzbrett verschlossen. Der aus mehreren Teilen bestehende Kopf ist separat aufgesetzt und mittels eines Keiles im Nacken in seine stark geneigte Position gebracht worden. Verloren und nachgeschnitzt sind lediglich einige Zehen. Eine fast zehnjährige Restaurierung hat Erstaunliches zutage gebracht: Im augehöhlten Brustraum der Skulptur wurden mit Hilfe einer Endoskopie über 50 in Seide gehüllte Reliquien nachgewiesen.
Welchen Zwecken die Crucifixi dolorosi im religiösen Leben des Mittelalters dienten, ist nicht genau bekannt. Manche wurden bei Prozessionen mitgeführt, andere zeugen vom Brauch der Grablegung am Karfreitag, wenn sie über bewegliche Arme verfügen, die zu diesem Anlaß an den Körper geklappt werden konnten. Das Kapitolskruzifix wiederum ist bis in die Details so minutiös ausgearbeitet, dass es auch für eine nahsichtige Betrachtung geeignet war. Godehard Hoffmann verweist darauf, dass es sich deswegen bestens für die seit dem 12. Jahrhundert bekannte Gebetspraxis des „Abtastens mit dem Blick“ eignete. Der Beter sollte dabei nacheinander das Haupt, die Brust und die Wundmale betrachten. Anschließend sollte er Christus in die Augen blicken, um ihm sein Anliegen vorzutragen. Dafür war er bei den spätmittelaterlichen Passionskruzifixen wegen des weit vorgeneigten Kopfes gezwungen, sich in eine Position tief unterhalb der Figur zu begeben, um von dort steil nach oben zu sehen.
Bockhorster Triumphkreuz (um 1200); Münster,
LWL-Museum für Kunst und Kultur
Die der Gotik vorausgehende Romanik kannte vor allem den über den Tod triumphierenden Christus. Der Gekreuzigte ist in dieser Epoche meist in einer fast stehenden Haltung am Kreuz befestigt; die Füße stehen nebeneinander. Mimik und Körperhaltung zeigen keinerlei Spuren von Folter oder Schmerz, das Haupt ist in gerader Haltung aufgerichtet, die Augen sind offen, das Antlitz ist das eines Lebenden. Im 12. Jahrhundert kommt das Kreuz als Zeichen der Göttlichkeit Jesu hinzu. Die Romanik sieht Christus auch am Kreuz als den, der lebt und siegt und gebietet. Dennoch war dieser Zeit auch der tote Gottessohn am Kreuz nicht unbekannt, wie das bereits erwähnte Gerokreuz in Köln zeigt. Aber das Mitleiden mit dem am Kreuz gestorbenen Messias begegnet uns erst im Hochmittelalter. Vor allem der Zisterzienserabt Bernhard von Clairvaux (1091–1153) hat mit seiner Wortgewalt zur Vermenschlichung des mittelalterlichen Christusbildes beigetragen. Seine Mystik war besonders auf die Versenkung in das Leiden und Sterben Jesu ausgerichtet: „Ich kann ihn nicht schauen und nicht erforschen, ich spreche es nicht ohne Tränen aus, als einen König in Herrlichkeit, thronend über Cherubim, wie er auf hohem erhabenem Thron sitzt, in der Gestalt, in der er dem Vater gleich ist, im Glanz der Heiligen, vor dem Morgenstern gezeugt, wie ihn immerdar die Engel zu schauen verlangen, als Gott bei Gott. So künde ich ihn wenigstens als Menschen, ich ein Mensch, den Menschen in jener Gestalt, in der er sich unter die Engel erniedrigte (...) ich zeige mehr den Liebenswürdigen als den Erhabenen (...) Nicht wie er ist, sondern wie er für uns geworden ist, wird uns Christus, unser Haupt, vorgestellt. Nicht in der Glorienkrone, sondern in der Dornenkrone unserer Sünden.“
In der Kunst wirkte sich diese emotionale Annäherung an den Gekreuzigten allerdings erst mit einer Verzögerung von ein bis zwei Generationen aus. Die stark auf ihren Ordensgründer Franz von Assisi (1181–1226) ausgerichtete Kreuzverehrung der Franziskaner förderte schließlich den detailintensiven Blick auf das Passionsgeschehen. Um 1200 wird das Leiden Christi am Kreuz immer deutlicher herausgestellt, der „Dreinageltypus“ erscheint. In der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts wird weitgehend nur noch der von Schmerzen gequälte Gottessohn am Kreuz dargestellt, zugleich verschwindet spätestens um 1300 das Triumphkreuz der Romanik. „Die Beziehung zwischen Betrachter und Kruzifix war intimer geworden und das hoch im Kirchenraum angebrachte Triumphkreuz eignete sich nicht für die nahsichtige Betrachtung“ (Hoffmann 2006, S. 141).

Literaturhinweise
Godehard Hoffmann: Das Gabelkreuz in St. Maria im Kapitol zu Köln und das Phänomen der Crucifixi dolorosi in Europa. Wernersche Verlagsgesellschaft, Worms 2006;
Robert Suckale: Der Kruzifix in St. Maria im Kapitol – Versuch einer Annäherung. In: Jean-Claude Schmitt (Hrsg.), Femmes, art et religion au Moyen Âge. Presses universitaires de Strasbourg-Musée d’Unterlinden, Straßburg/Colmar 2004, S. 87-101.

(zuletzt bearbeitet am 23. Juni 2016)