Dienstag, 26. Januar 2016

Farben wie Pfauengefieder – Gustav Klimt porträtiert Emilie Flöge


Gustav Klimt: Bildnis Emilie Flöge (1902/03); Wien,
Wien Museum (für die Großansicht anklicken)

Unter Gustav Klimts (1862–1918) zahlreichen Frauenbildnissen stellt das Bildnis seiner Schwägerin und langjährigen Freundin Emilie Flöge eine Ausnahme dar, weil es sich nicht um eine Auftragsarbeit handelt. Immer wieder wird behauptet, Emilie Flöge sei von ihrem lebensgroßen, ganzfigurigen Porträt nicht angetan gewesen. Dafür fehlt jedoch ein eindeutiger Beleg. Klimt signierte und datierte das Bild 1902, obwohl er es erst nach 1904 vollendete. 1908 wurde es von ihm, offenbar mit Emilie Flöges Einverständnis, an das Niederösterreichische Landesmuseum verkauft.
Die hochgewachsene, schlanke Frau steht aufrecht vor uns, die volle Höhe des Bildformats füllend. Die linke Hand hat sie in die Seite gestützt, der rechte Arm hängt herab, das Haar umrahmt in dunklen Locken den Kopf. Ihr Körper ist nach links gedreht, der Kopf aber so zur Seite gewandt, dass sie den Betrachter direkt anblickt. Der Raum, in dem sie sich befindet, lässt sich nicht näher bestimmen. Emilie Flöge präsentiert sich in einem frei fließenden Kleid, das kleinteilige Wellen-, Kreis-, Quadrat- und Spiralornamente überziehen. Der blau-grün changierende Stoff ist zwar nicht tailliert, liegt aber dennoch relativ eng am Körper und fällt ihr bis über die Füße. Aus der abstrakten Ornamentik tauchen nur Gesicht, Dekolleté und Hände hell hervor. Als Anhängerin der Reformbewegung entwarf und verkaufte Emilie Flöge in dem florierenden Modesalon, den sie mit ihren Schwestern Pauline und Helene seit 1904 führte, Damenkleider dieses Typs. Sie waren, den weiblichen Körper endgültig vom Korsett befreiend, kurz vor der Jahrhundertwende in Mode gekommen.
„Kopf und Schultern der Portraitierten sind von einer fächerartig aufgespannten Ornamentaura umgeben, die – vage mit der Kleidung verbunden – wirkt, als bringe Emilie Flöge ihren eigenen Hintergrund mit“ (Petz 1995, S. 66). Die „Aureole“ nimmt die Farben des Stoffs auf, ist aber geometrischer gestaltet und scheint aus einem festen Material zu bestehen. Die Betonung des Kopfes mittels floraler Motive findet sich bereits im Bildnis Sonja Knips durch die Blumen (siehe meinen Post „Eine Flut von Tüll“) und setzt sich fort z. B. in den Porträts der Margaret Stonborough-Wittgenstein und Fritza Riedler.
Gustav Kimt: Bildnis Sonja Knips (1898); Wien, Belvedere
Gustav Klimt: Bildnis Margaret Stonborough-Wittgenstein
(1905); München, Neue Pinakothek
Gustav Klimt: Bildnis Fitza Riedler (1906); Wien, Belvedere
Auffallend ist der Kontrast zwischen dem minutiös ausgeführten Gewand, das wie eine körperlose Hülle wirkt, und der leeren, malerisch kaum ausgeführten Umgebung. Die vertikale, fließende Form des Porträts erinnert einereits an frühere Darstellungen Klimts von Wasserwesen und Nixen. Andererseits besitzt das Bildnis durchaus jenen Repräsentationscharakter, der die Damenporträts Klimts auszeichnet. Auf jeden Fall ist das Gemälde ein Beispiel für die Tendenz des Künstlers, die Körperlichkeit und Individualität der von ihm dargestellten Frauen im Ornament beinahe verschwinden zu lassen, sie in ein dekoratives Element zu verwandeln.
Gustav Klimt: Nixen (Silberfische), um 1902/03; Wien,
Kunstsammlung Bank Austria
Weltgewandt, erfolgreich und finanziell unabhängig, war die selbstbewusste Emilie Flöge nicht darauf angewiesen, materielle Absicherung in einer Ehe zu suchen. Über einen Zeitraum von zwanzig Jahren, von 1898 bis 1918, war sie eine enge Vertraute Klimts und auch Förderin des Künstlers; ihre Verbindungen schafften Kontakte zur gut betuchten Wiener Gesellschaft. Der Grad an Zuneigung, Respekt und Liebe zwischen den beiden bleibt aber schwer bestimmbar. Der exklusiv eingerichtete Modesalon der drei Schwestern Flöge behauptete mehr als dreißig Jahre lang seine führende Stellung im Zentrum des Wiener Modeviertels. Mit dem „Anschluss“ Österreichs an Nazideutschland verlor Emilie Flöge einen großen Teil ihrer Kundschaft und musste den Salon schließen.
Emilie Flöge, 1906


Literaturhinweise
Tobias G. Natter/Gerbert Frodl (Hrsg.): Klimt und die Frauen. DuMont Literatur und Kunst Verlag, Köln 2002, S. 100-103;
Tobias G. Natter (Hrsg.): Gustav Klimt. Sämtliche Gemälde. Taschen Verlag, Köln 2012;
Anja Petz: Gustav Klimt – Emilie Flöge. In: Sabine Schulze (Hrsg.), Sehnsucht nach Glück. Wiens Aufbruch in die Moderne: Klimt, Kokoschka, Schiele. Verlag Gerd Hatje, Ostfildern-Ruit 1995, S. 66;
Toni Stooss/Christoph Doswald (Hrsg.): Gustav Klimt. Verlag Gerd Hatje, Stuttgart 1992, S. 124.

(zuletzt bearbeitet am 5. Juni 2016)