Montag, 21. März 2016

Sinnlichkeit aus rohem Holz – Ernst Ludwig Kirchners „Tanzende Frau“


Ernst Ludwig Kirchner: Tanzende Frau (1911); Amsterdam, Stedelijk Museum
Die am 7. Juni 1905 von Fritz Bleyl, Ernst Ludwig Kirchner und Karl Schmidt-Rottluff gegründete »Künstlergruppe Brücke« war eine (später erweiterte) Lebens- und Arbeitsgemeinschaft von Architekturstudenten, die sich der Malerei verschrieben und sich kein geringeres Ziel gesetzt hatten, als die deutsche Kunst zu erneuern. Es ist vor allem das Schaffen der »Brücke«, das vorrangig mit dem Expressionismus in Verbindung gebracht wird. Dabei entstanden neben dem umfangreichen malerischen und grafischen Werk der »Brücke«-Künstler immer wieder auch Plastiken, wenn auch in deutlich geringerer Zahl und von der Öffentlichkeit weit weniger beachtet. Ein Anlass für das plastische Arbeiten war sicherlich zunächst der Bedarf an Gebrauchs- und Einrichtungsgegenständen, denn unter den frühen Skulpturen von Erich Heckel  wie von Ernst Ludwig Kirchner befinden sich Karyatiden, die offenbar als Bücherstützen oder Träger von Regalbrettern gedacht waren. „Das gemeinsame Motiv für die Beschäftigung mit Skulptur war bei den Brücke-Künstlern das Streben nach einer engen Verbindung von Kunst und Leben, nach Neugestaltung ihrer Umwelt, denn nicht umsonst hatten die meisten ein Architekturstudium hinter sich und wussten, wie man Möbel entwarf und schreinerte. Sie wollten aber zugleich den Stempel ihres neuen Kunstwollens – größtmögliche Unmittelbarkeit des inneren Erlebens und Ausdrucks – auch ihrer Behausung aufdrücken“ (von Maur 2003, S. 16).
Großen Einfluss auf die Skulpturen der Expressionisten hatte vor allem die außereuropäische Kunst Afrikas und Ozeaniens. Vor allem Kirchner war ein Stammgast in den Naturkundemuseen von Dresden und Berlin, was zahlreiche Zeichnungen nach entsprechenden Exponaten belegen. Und Kirchner ist es auch, der neben Ernst Barlach und Wilhelm Lehmbruch als der bedeutendste Bildhauer des Expressionismus gelten kann. Er hat sich zeitlebens intensiv mit Plastik beschäftigt; von über 140 nachweisbaren Skulpturen (mit kunsthandwerklichen Arbeiten) sind allerdings rund die Hälfte verschollen oder zerstört, größtenteils jedoch in Fotos, Gemälden oder Druckgrafiken überliefert.
In Kirchners plastischem Werk steht ganz der Mensch im Mittelpunkt; auch wenn er Gebrauchsgegenstände oder Möbel schnitt, nahmen sie stets anthropomorphe Formen an. Abgesehen von kleineren Arbeiten, ist Kirchners Skulptur in Holz gearbeitet. Sie entsteht nach einigen Skizzen rasch und unmittelbar. Eine von Kirchners Skulpturen will ich hier vorstellen, ich bin ihr vor kurzem in Amsterdam begegnet: Es ist die Tanzende Frau aus dem Stedelijk Museum, 1911 von Kirchner robust und direkt aus dem Holzblock herausgeschlagen (Höhe 90 cm).
Die Frontalansicht zeigt die Drehung des Oberkörpers noch deutlicher
Aus einer leicht in den Knien gebeugten Tanzstellung dreht die nackte Figur Oberkörper und Kopf weit nach links hinüber. Dabei hat sie den linken Arm angewinkelt und hält ihre flache Hand hinter das Ohr – offensichtlich eine Geste des Horchens. Der andere Arm ist in einer Gegenbewegung ebenfalls angewinkelt und in Brusthöhe an die rechte Seite angelegt. den Körper hat Kirchner gleichmäßig goldgelb bemalt, nur Haar, Gesicht, Brustwarzen, Schambereich und Fußnägel sind mit dunkler Farbe hervorgehoben; die Oberfläche ist nicht geglättet und zeigt deutlich die Bearbeitungsspuren am Holz.
Eine von Kirchners Ajanta-Zeichnungen (1911)
Ernst Ludwig Kirchner: Badende am See (912); Dallas/Texas, Dallas Museum of Art
In den schwellenden Formen der Tanzenden Frau und ihren wiegenden Beinen wirkt das erotische Schönheitsideal indischer Tempelmalerei nach – Kirchner hatte im gleichen Jahr 1911 Abbildungen aus einem englischen Bildband kopiert, die Fresken aus den buddhistischen Höhlentempeln in Ajanta zeigten. „Durch Zufall fand ich Griffiths Indische Wandmalereien in Dresden in der Bibliothek. Diese Werke machten mich hilflos vor Entzücken. Diese unerhörte Einmaligkeit der Darstellung glaubte ich nie erreichen zu können, alle meine Versuche kamen mir hohl und unruhig vor. Ich zeichnete vieles an den Bildern ab, um nur einen eigenen Stil zu gewinnen und fing an, große Bilder zu malen, 150 x 200 cm“ (Strzoda 2008, S. 172). Es handelte sich um das 1896 von John Griffith publizierte, reich illustrierte Buch The paintings in the Buddhist Cave-Temples of Ajanta, Khandesh, India. Griffith veröffentlichte darin seine Kopien nach den Wandbildern der mittelalterlichen Klosteranlage von Ajanta, die noch heute als wichtigster Fundort altindischer Malerei gilt.
Auch wenn diese Anregung nicht von Originalen, sondern nur von kolorierten Lichtdrucken ausgelöst wurde, war Kirchner offensichtlich tief beeindruckt. Ein weiterer Beleg hierfür ist das großformatige Gemälde Badende am See von 1912, das auf einer Zeichnung mit kopierten Figuren aus den Ajanta-Fresken beruht. Nach Polynesien und Afrika war Indien damit die dritte exotische Entdeckung, die Kirchner in seiner »Brücke«-Zeit künstlerisch verarbeitete. In ihrer Grundhaltung und den gerundeten Körperteilen ist die Tanzende Frau den Ajanta-Figuren ganz nahe; deren Eleganz wird von Kirchner aber zugunsten kantiger und gedrungener Formen afrikanischer Kunst aufgegeben.
Ernst Ludwig Kirchner: Varieté (1912/13); Frankfurt, Städel Museum
Ernst Ludwig Kirchner: Tänzerin Gerda (1912); Privatsammlung
Kirchners Interesse für den Tanz lässt sich seit 1909 kontinuierlich in seinem Werk nachweisen. Von seinen Einzelplastiken widmen sich nicht weniger als elf diesem Thema. Inspiration hierfür erhielt Kirchner aus der Welt des Zirkus und des Varietés. Dabei belässt er in seinen Bildern den Tanz zumeist im Kontext des Varietés und fängt die von Lebensrausch durchdrungene unbürgerliche Atmosphäre ein. In seinen Skulpturen jedoch ist der Tanz von elementarer Sinnlichkeit geprägt, und die Figuren zeigen ein von gesellschaftlichen Zwängen unverformtes Körpergefühl.

Literaturhinweise
Stephanie Barron (Hrsg.): Skulptur des Expressionismus. Prestel-Verlag, München 1984, S. 107-122;
Gabriele Genge: Zurück zu den Wurzeln? Die Holzskulpturen der Brücke. In: Christoph Wagner/Ralph Melcher (Hrsg.), Die »Brücke« und der Exotismus. Bilder des Anderen. Gebr. Mann Verlag, Berlin 2011, S. 44-56
Karin von Maur: Ernst Ludwig Kirchner – Der Maler als Bildhauer. Hatje Cantz Verlag, Ostfildern-Ruit 2003;
Sabine Schulze (Hrsg.): nackt!. Frauenansichten. Malerabsichten. Aufbruch zur Moderne. Hatje Cantz Verlag, Ostfildern-Ruit  2003, S. 182;
Hanna Strzoda: Der Einfluss fremder Kulturen. In: Magdalena M. Moeller (Hrsg.), Ernst Ludwig Kirchner in Berlin. Hirmer Verlag, München 2008, S. 170-180. 

(zuletzt bearbeitet am 12. Mai 2017)