Mittwoch, 20. April 2016

Mit beiden Beinen im Blumenteich – Gustav Klimt porträtiert Mäda Primvesi


Gustav Klimt: Porträt Mäda Primavesi (1912); New York, The Metropolitan Museum
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Das Bildnis der neunjährigen Mäda, Tochter des Wiener Bankiers Otto Primavesi und seiner Frau Eugenia, ist das einzige großformtige Kinderporträt von Gustav Klimt (1862–1918). In selbstbewusster Pose steht das Mädchen frontal vor dem Betrachter, fast den ganzen Bildraum einnehmend und den rechten Arm beinahe trotzig auf die Hüfte gestützt, der linke verschwindet hinter dem Rücken. Ohne Scheu und mit kühler Gelassenheit blickt sie uns entgegen. Das Seidenkleid, das Mäda trägt, reicht ihr bis knapp über die Knie; es ist mit einer Passe aus Blumen und Plisseefalten geschmückt. Breitbeinig und lebensgroß besetzt Mäda die vorderste Bildebene; mit ihren übergroßen Füßen in weißen Ballerinas steht das Kind auf einer dreifachen violetten Wellenlinie.
Gustav Klimt: Porträt Adele Bloch-Bauer (1912); Privatbesitz
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Gerade Mädas besondere „Standfestigkeit“ ist auffallend, denn damit unterscheidet sie sich deutlich von der Mehrzahl der Klimtschen Frauenporträts, deren Fußpartie fast immer vom Bildrand abgeschnitten wird. Ein typisches Beispiel für diese Tendenz ist das zweite Porträt von Adele Bloch-Bauer, wie das Bildnis von Mäda 1912 entstanden. Adele Bloch-Bauer scheint hier mit dem sehr flächigen Hintergrund regelrecht zu verschmelzen. Anders bei Mäda: Obwohl ihr helles, mit Blumen besetztes Rüschenkleid sich mit der floralen Musterung des Teppichs und der Tapete eng verbindet, verhindert die betonte Räumlichkeit, dass Figur und Grund ineinander aufgehen. Der blumendurchsetzte Fußboden erinnert in seiner sanften Farbigkeit an eine Frühlingswiese; Tobias G. Natter vergleicht ihn mit Claude Monets späten Seerosenbildern. Im Porträt der Mutter Mädas, der Schauspielerin Eugenia Primavesi, die Klimt kurze Zeit später malt, nähert der Künstler abermals Landschaft und Porträt einander an.
Gustav Klimt: Eugenia Primavesi (1913/14); Toyota, Municipal Museum of Art


Literaturhinweise
Tobias G. Natter/Gerbert Frodl (Hrsg.): Klimt und die Frauen. DuMont Literatur und Kunst Verlag, Köln 2002, S. 126;
Tobias G. Natter (Hrsg.): Gustav Klimt. Sämtliche Gemälde. Taschen Verlag, Köln 2012, S. 202 und 621;
Toni Stooss/Christoph Doswald (Hrsg.): Gustav Klimt. Verlag Gerd Hatje, Stuttgart 1992, S. 168.