Dienstag, 2. August 2016

Die Königin, die ihren Kopf behielt – Hans Holbeins d.J. Porträt der Jane Seymour


Hans Holbein d.J.: Jane Seymour (1536/37); Wien,
Kunsthistorisches Museum (für die Großansicht einfach anklicken)
Hans Holbein d.J. (1497–1543) hatte 1532 Basel endgültig in Richtung England verlassen und wurde 1536 Hofmaler Heinrichs VIII. Zu den ersten in dessen Dienst entstandenen Gemälden zählt das Porträt von Jane Seymour (1509–1537), das sich heute im Kunsthistorischen Museum Wien befindet. Jane Seymour hatte nacheinander den Königinnen Katharina von Aragon und Anne Boleyn als Hofdame gedient; am Tag nach Annes Hinrichtung am 19. Mai 1536 verlobte sich der König mit ihr, und zehn Tage später wurde sie seine dritte Gemahlin. Am 3. Juni 1536 ließ Heinrich VIII. Jane zur Königin ausrufen – doch noch vor ihrer Krönung starb sie am 24. Oktober 1537 im Wochenbett, zwölf Tage nach der Geburt des so sehnlich erwarteten Thronfolgers Prinz Edward. Sie wurde als einzige der sechs Ehefrauen Heinrichs VIII. und als Mutter seines einzigen legalen Sohnes mit einem königlichen Staatsakt in der St. George’s Chapel in Windsor beigesetzt. 1547 erhielt Heinrich VIII. an ihrer Seite seine letzte Ruhestätte.
Hans Holbein d.J.: Heinrich VIII. (1537); Madrid, Museo Thyssen-Bornemisza
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Jane Seymour ist in ihrer Zeit als Königin mehrmals von Holbein porträtiert worden. Als bedeutendstes Werk mit Janes Bildnis gilt die große Wandmalerei im königlichen Palast Whitehall in London, auf dem die Tudor-Dynastie dargestellt war. Jane wurde darauf in Lebensgröße und als ganze Figur wiedergegeben, zusammen mit ihrem Gatten und dessen Ahnen. Dieses 1537 entstandene Werk ging bei einen Brand 1698 verloren, seine Komposition ist jedoch durch eine kleinere, 1667 gemalte Kopie überliefert.
Auf dem Wiener Porträt steht Jane Seymour als Halbfigur und in Dreiviertelansicht vor einem nicht näher bestimmten blauen Hintergrund, auf den ihr Körper einen Schlagschatten wirft. Es gibt keinen Blickkontakt mit dem Betrachter; Jane hat ihre linke Hand auf die nach oben gekehrte Handfläche ihrer Rechten gelegt.
Unübertroffene Feinmalerei
Die Königin trägt ein Kostüm aus rotem Samt, dessen rechteckiger Halsauschnitt mit Perlen und Edelsteinen abgesetzt ist. Die Ärmel des Kostüms sind weit zurückgeschlagen, wodurch der mit einem Raster aus Goldfäden verzierte Futterstoff sichtbar wird. Darunter sind lose, offene Ärmel aus Silberbrokat angelegt, die von Juwelen zusammengehalten werden und in den Öffnungen ein weißes Hemd zum Vorschein kommen lassen. Das weiße Hemd zeigt an den Handgelenken eine schwarze Stickerei; im unteren Teil des Kostüms erscheint erneut das Silberbrokat der Ärmel.
Jane wurde immer mit einer englischen Haube dargestellt (im Gegensatz zu ihrer Vorgängerin Anne Boleyn, die die etwas modernere und rundere französische Haube bevorzugt hatte). Die Haube ist mit einem Streifen aus Goldbrokat besetzt, die Unterhaube entlang des Saumes mit Perlen und Edelsteinen verziert. Jane Seymour bestand darauf, dass auch ihre Hofdamen an Stelle der modernen französischen eine englische Haube trugen.
Alle Frauen Heinrichs VIII. waren reichlich mit kostbarem Schmuck ausgestattet
An der Halskette der Königin prangt ein aus zwei großen Steinen bestehender Anhänger, an dem eine birnenförmige Perle hängt. Über ihrer Brust ist ein großes Schmuckstück mit dem Christusmonogramm IHS am Kostüm befestigt, das aus dem außerordentlich großen Juwelenschatz Heinrichs VIII. stammte.
Die Vorzeichnung zum Porträt der Jane Seymour; Windsor Castle
Zu dem Bildnis Jane Seymours existiert eine vorbereitende Porträtzeichnung; die Konturen dieses Entwurfs wurden mit einer Durchdrück-Technik auf die noch unbemalte Leinwand übertragen; allerdings sind auf der Zeichnung andere Juwelen wiedergegeben als auf dem Gemälde in Wien.

Literaturhinweis
Hans Holbein der Jüngere 1497/98–1543. Porträtist der Renaissance. Belser Verlag, Stuttgart 2003, S. 114-119.

(zuletzt bearbeitet am 4. Juli 2020) 

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