Dienstag, 20. September 2016

Rex triumphans – die romanische Kreuzigungsgruppe aus Innichen


Kreuzigungsgruppe aus der Stiftskirche in Innichen (um 1250; für die Großansicht einfach anklicken)
Foto: © Almbauer. CC BY-SA 3.0

Wenn man die stets von Touristen durchflutete Fußgängerzone im Südtiroler Innichen verlässt und die dortige romanische Stiftskirche betritt, wird man sogleich von einem wohltuenden Halbdunkel und einer erstaunlichen Stille umfangen. Das Beeindruckendste an diesem Kircheninnern ist allerdings eine im Altarraum angebrachte hölzerne Kreuzigungsgruppe aus dem 13. Jahrhundert (um 1250 entstanden). Zum ersten Mal bin ich ihr im Sommer 2011 begegnet – und es war tatsächlich eine besondere religiöse Erfahrung. Ich bin beim Anblick dieser Christusfigur in einem Maß zur Ruhe gekommen, wie ich das zuvor lange nicht mehr erlebt hatte und auch danach bislang nicht wieder. Davon am Schluss mehr.
Die der Gotik vorausgehende Kunstepoche der Romanik stellt den Gekreuzigten vor allem als Christus coronatus bzw. Christus victor dar, d. h. als einen über den Tod triumphierenden Christus. Dabei ist der Sohn Gottes meist in einer aufrecht stehenden, frontalen, unbewegt-symmetrischen Haltung am Kreuz befestigt; die Füße sind nebeneinander gesetzt. Mimik und Körper zeigen keinerlei Spuren von Folter oder Schmerz; das Haupt, auf dem oft eine Krone sitzt, ist in gerader Haltung erhoben, die Augen sind offen, das Antlitz ist das eines Lebenden. Diese Triumphkreuze sind in der Regel überlebensgroß;  meist wurden sie hoch oben an eisernen Ketten aufgehängt oder auf einen hölzernen Balken montiert, ebenfalls in beträchtlicher Höhe. „Die Triumphkreuze beherrschten als eschatologisches Zeichen des Sieges und Triumphes Christi an markanter Stelle den Kirchenraum“ (Beer 2005, S. 25).
Nur wenige Triumphkreuze sind noch in ihrem ursprünglichen architektonischen Zusammenhang anzutreffen, selbst wenn sie sich noch an ihrem Ursprungsort befinden. Die nördlich der Alpen entstandenen Triumphkreuze sind meist als Skulptur gestaltet bzw. als Skulpturengruppen. Auf italienischem Boden dagegen überwiegt bei den Triumphkreuzen eindeutig die Form der croci dipinti. Gemalte Triumphkreuze in der Art von Tafelkreuzen gibt es im Norden nur in wenigen Ausnahmefällen.
Auch das Triumphkreuz in Innichen ist überlebensgroß: Der Corpus des Gekreuzigten ist 250 cm hoch (mit Suppedaneum). Seine Arme sind in leicht geschwungener Linie fast horizontal ausgespannt, die ausgestreckten Hände knicken im Handgelenk ein wenig nach unten. Christi Oberkörper ist extrem lang und schmal gearbeitet; über einer eingeschnittenen Thoraxlinie sind die seitlich anschließenden Rippen ornamental eingeritzt. Eine tiefe, rundum laufende Kerbe markiert den Halsansatz. Ein mehrfach gedrehter Hüftwulst mit großem Knoten hält das scheinbar dünne Lendentuch, das zahlreiche Plissefalten strukturieren. Besonders über dem rechten Knie, wo der Stoff etwas höher liegt, ist die Fältelung sehr dicht und die Saumkante bewegt. Der linke Oberschenkel zeichnet sich dagegen erkennbar unter dem eng anliegenden Tuch ab, während eine diagonale Saumkante das Knie bedeckt.
Das längliche Antlitz Jesu wird von einer hohen, vierzackigen Lilienkrone bekrönt, die über den großen Ohrmuscheln ansetzt. Der Blick der weit geöffneten Augen ist geradeaus gerichtet. Unter den hochgezogenen Brauen liegen große, etwas mandelförmige Augäpfel; die Nase ist lang und gerade, der Nasenrücken leicht abgeflacht. Der geschlossene Mund sitzt über einem mittig geteilten Kinn, ein Oberlippenbart mit spitzen Enden sowie ein Backenbart aus regelmäßigen Rundlöckchen vervollständigen die Physiognomie. Auf jeder Schulter liegt eine dünne Haarsträhne auf.
Christus als der neue Adam steht auf dem Kopf des ersten Adam
Als Suppedaneum dient Christus ein menschlicher Kopf – es ist der Kopf Adams, durch den der Tod zu allen Menschen gekommen ist, weil mit ihm und vorgezeichnet von ihm alle Menschen gesündigt haben (Römer 5,12). Christus als der neue oder auch der „zweite“ bzw. der „letzte Adam“ (1. Korinther 15,45) hat jedoch – so die theologische Aussage – durch seinen in freier Hingabe erlittenen, stellvertretenden Sühnetod den Tod für alle Menschen überwunden.
Das Auflagekreuz ist nicht mehr original
Die beiden Assistenzfiguren Maria und Johannes stehen in blockhafter Strenge unter den ausgebreiteten Armen Christi, als ständen sie unter seinem Schutz. Ihre Köpfe sind leicht nach vorn und nach unten geschoben. Das ungegliederte, fest anliegende Haupthaar des Johannes fällt hinter den großen Ohren in den Nacken herab; Haar und Schultern Marias werden von einem Maphorion bedeckt. Maria hat die erhobenen Hände überkreuzt und flach auf die Brust gelegt. Sie ist mit einem Poncho-artigen Überziehmantel bekleidet, Paenula genannt, sowie einem Untergewand, das gerade bis zu den beschuhten Füßen herabfällt. Johannes trägt über einem Untergewand mit weiten Ärmeln eine Art Tunika, die über der rechten Schulter liegt, über die Rückseite nach vorne führt und unter dem rechten Arm hochgerafft wird. Mit der Linken hält der Jünger Jesu ein kleines Buch an seine Brust, die Finger der rechten Hand liegen auf dessen Oberkante: Mit ihm ist wohl das von Johannes verfasste Evangelium gemeint.
Johannes und Maria: blockhaft streng in gefasstem Schmerz
Die Ausstrahlung Christi, dieses königlichen Überwinders, der wirkt, als hätte er sich selbst, ganz aus freien Stücken an das Kreuz gestellt, hatte damals für mich etwas ungemein Trostreiches. War ich tief verzagt oder sehr aufgewühlt, ich kann es nicht mehr genau sagen – ich empfand den Anblick Jesu jedenfalls als Einladung, mich mit unter seine ausgebreiteten Arme zu stellen und wie Maria und Johannes göttlichen Frieden zu empfangen.

Glossar
Maphorion: Schleier, der auf bildlichen Darstellungen Haar und Schultern der Mutter Jesu bedeckt
Suppedaneum: Fußbrett bei einer Kreuzigung

Literaturhinweis
Manuela Beer: Triumphkreuze des Mittelalters. Ein Beitrag zu Typus und Genese im 12. und 13. Jahrhundert. Verlag Schnell & Steiner, Regensburg: Schnell & Steiner 2005, S. 651-656.