Freitag, 13. Januar 2017

Das Gesäß des Allmächtigen – Michelangelos „Erschaffung von Sonne und Mond“ in der Sixtinischen Kapelle


Michelangelo: Die Erschaffung von Sonne und Mond (1508-1512); Rom, Sixtinische Kapelle
(für die Großansicht einfach anklicken)
Michelangelos Wandmalereien in der Sixtinischen Kapelle gehören unbestritten zu den großartigsten Werken der abendländischen Kunst. In den Scheitelbildern des Deckengewölbes hat er von 1508 und 1512 neun Ereignisse aus dem 1. Buch Mose dargestellt: von der Schöpfung der Welt über den Sündenfall bis zur Sintflut und der Schande Noahs. In loser Folge werde ich mich den einzelnen Bildfeldern zuwenden und sie näher vorstellen.
Die zweite Genesis-Szene zeigt die Erschaffung von Sonne und Mond durch den Allmächtigen (1. Mose 1,14-18). Sie unterscheidet sich von der ersten („Scheidung von Licht und Finsternis“) schon rein äußerlich durch das große Format: Es handelt sich um eines der vier monumentalen Deckenbilder, deren Abmessungen die fünf kleineren um ein Vielfaches übertreffen. Auf diesem ersten großen Bildfeld ist Gottvater gleich zweimal dargestellt: Er kommt von rechts herangestürmt, um sich nach links in die Tiefe des Raums zu entfernen. Dabei wird, der Logik des Bewegungsvorgangs entsprechend, seine Rückseite sichtbar. In der rechten Bildhälfte weist der entgegenkommende Schöpfergott mit gebieterischen Gesten der ausgestreckten Arme den größten Himmelskörpern ihren Platz im Kosmos an: mit der rechten Hand der Sonne vor ihm, mit der linken dem Mond in seinem Rücken. In der linken Bildhälfte entfernt sich der Schöpfer und erschafft dabei die Pflanzen der Erde, die seine ausgestreckte Hand ins Leben ruft.
Michelangelo: die Scheitelbilder der sixtinischen Decke (für die lohnenswerte Großansicht einfach anklicken)
Offensichtlich handelt es sich hier um zwei aufeinanderfolgende Momente einer einzigen Bewegung des Allmächtigen, wie das jeweils purpurfarbene Gewand und  die langen weißgrauen Haare erkennen lassen. Allerdings ist der sich entfernende Schöpfer nicht mehr von Engelputten begleitet. Gottvater wendet sich fast liegend und wie vorwärts hechtend anderen Weiten des Raumes zu, wobei sein pralles Gesäß zu sehen ist und geradezu hell aufleuchtet. Die Rückseite des Allmächtigen auf diese Weise ins Bild zu setzen, noch dazu in der wichtigsten Kapelle der Christenheit – das ist durchaus ebenso beispiellos wie unerhört.
Diese Darstellung widerspricht so sehr jeglichem „Decorum“, das bezweifelt wurde, ob es sich tatsächlich um Gottvater handelt. So hat ein Theologe zu erklären versucht, dass die sich entfernende Gestalt nur Luzifer sein könne, der von Gott vertrieben werde. „Wenn der Allmächtige es aber hier tatsächlich mit seinem luziferischen Gegenspieler zu tun hätte, dann wäre kein anderer Ausgang der Begegnung denkbar als der Sturz des Bösen in die Tiefe. Auf keinen Fall dürfte die Begegnung auch nur im Geringsten den Anschein erwecken, als würden Gott und Luzifer im Himmel Fangen spielen“ (Herzner 2015, S. 62).
Im Antlitz von großer Anstrengung gezeichnet, die selbst den Allmächtigen das Schöpfungswerk kostet, naht Gott von rechts heran; in der Art, wie er mit seiner rechten, vorandrängenden Hüfte eine kräftige Bewegung ausführt, wird deutlich, dass er nicht etwa sanft, gleichsam passiv herbeischwebt, sondern aus eigener, energisch eingesetzter Kraft durch den sich gerade bildenden Kosmos treibt. Auf diese Weise verdeutlicht Michelangelo, mit welcher Intensität und Anspannung der Schöpfer sein Werk vollbringt. Wir sehen Gott also als energiegeladenen himmlischen Akteur – was allerdings schlicht und ergreifend dem biblischen Schöpfungsbericht widerspricht.
Denn die Schöpfung ist nach der Aussagen der Bibel eine Manifestation des göttlichen Geistes und nicht das Resultat einer gewaltigen göttlichen Kraftanstrengung. Am Beginn der Schöpfung heißt es: „Und die Erde war wüst und leer, und es war finster auf der Tiefe; und der Geist Gottes schwebte auf dem Wasser“ (1. Mose 1,2). Alle dann folgenden Schöpfungstaten werden auf die gleiche Weise beschrieben: „Und Gott sprach: Es werde Licht! Und es ward Licht“ (1. Mose 1,3; siehe auch die Verse 6, 9, 14, 20, 24, 26 und 29). Das stimmt völlig überein mit dem Auftakt des Johannes-Evangeliums: „Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort. Dasselbe war im Anfang bei Gott. Alle Dinge sind durch dasselbe gemacht, und ohne dasselbe ist nichts gemacht, was gemacht ist“ (Johannes 1,1-3). Der sixtinische Schöpfergott jedoch spricht nicht – vielmehr werden bei Michelangelo „die Schöpfungstaten von Energien bewirkt, die der Schöpfer unter vollem körperlichen Einsatz mit seinen Flugaktionen im eben erst entstehenden Raum freisetzt“ (Herzner 2015, S. 59).

Literaturhinweis
Volker Herzner: Die Sixtinische Decke. Warum Michelangelo malen durfte, was er wollte. Georg Olms Verlag, Hildesheim 2015.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen